12. Juni 2026 — Es ist wahr (sagte ich mir heute), daß ich dankbar für die Geduld derer sein muß, die mein neues Buch »Die Politik der Weltlosigkeit« vorbestellt und es noch nicht bekommen haben, weil es noch nicht erschienen ist. Was gibt es Lobenswerteres, dankbarer Stimmendes als die Geduld? Ich muß mich – shame on me – diesbezüglich aber auch selbst loben. Ohnehin immer darum bemüht, auch hier im Blog zu betonen, daß Sie es mit einem unverbesserlich LANGSAMEN zu tun haben, war und ist nichts und niemand dazu imstande, mir die Geduld gegenüber dem eigenen Text zu nehmen, der gewiß längst hätte fertig sein sollen, indes mit immer neuen kleinen Schwierigkeiten, Unebenheiten, Verhakungen, Seitenwegen aufwartet. »Sehr bald« aber ists soweit; »kurze Weile« noch!
WeiterlesenAnte portas (#2)
9. Juni 2026 — Großem Regen kann man im Haus gelassen entgegen sehen, jedenfalls soweit es das Fundament betrifft. Feuchtigkeit im Keller kommt vor, ist aber kein großes Problem, ganz anders als weiter unten in den steilen Hang- und den engen Tallagen, wo Bäche anschwellen oder das lehmigere Erdreich sein Wasser durch Mauern zu drücken liebt. Die Erde hier oben, wo die Wasser erst ihren Anfang nehmen: leicht und hell, der Naturwissenschaftler nennt es »flachgründig«. Der Standort des Hauses auf dem Sattel zwischen Himmelsleiter und Schanze, noch über den Sickerquellen des Horbachs, erweist sich, die Wege des Wassers betreffend, als glücklich. Im hinteren Bereich des Kellers, von wo ein Scheunentor in den Garten führt – der Keller ist eigentlich, jedenfalls zur Hälfte, Erdgeschoß –, steht man direkt auf dem nackten, glatten, leicht unebenen, von flachen Kuhlen durchsetzten Schiefer. Würde man diese Fläche in freier Natur entdecken – sofort würde man Matte und Schlafsack ausbreiten wollen, um auf ihr zu übernachten. Und nun tue ich dies also seit sechs Jahren gewissermaßen immer: wenn auch in einem Bett schräg versetzt hoch über dieser Schieferfläche. An die natürliche Radioaktivität des Gesteins hat beim Hausbau vor hundert Jahren vermutlich niemand gedacht. Jetzt bleibt nichts, als die Gefahr, sich durchs bloße Wohnen mit Radon zu vergiften, in Kauf zu nehmen. Es ist, alchemistisch gesprochen, eine trockene Gefahr; sie bleibt ganz abstrakt, solange man nicht mit einem Meßgerät durchs Haus läuft. Ich habe nicht vor, dies zu tun (wären Kinder da, ja, dann müßte man es wohl).
WeiterlesenPferde im Maischnee
12. Mai 2025 — Die kleinen schiefergrauen Pferde, von denen ich jemanden sagen hörte, es seien polnische, sehen aus, als hätte es sie hier schon immer gegeben. Wie hervorgewachsen aus dem immergleichen Graugrün, bewegliche Landschaftsbestandteile, lieben sie es, sich sehr ansehnlich zu »drapieren«. Wie angeleitet von Auge und Hand eines Malers, sind sie immer darum bemüht, definierende Symbole ihrer Umgebung zu sein und eine monumentale Raumwirkung zu erzielen. Aber da sie immer wieder ihre – zudem ziemlich großen – Gehege wechseln (im Grunde ist ihr Besitzer also der Maler), weiß man nie, wo sie sich gerade befinden und ob man sie antreffen wird. Ihr Anblick hat stets etwas Überraschendes – überraschend wie der Maischnee, in dem ich sie heute, von Oberweißbach kommend, stehen sah. Und eben diese Unverfügbarkeit macht sie (oder ihren Besitzer) »genial«, denn wie wir wissen, sind alle Kunstwerke, in denen der Zufall und die Möglichkeit des Wunders nicht Raum greifen, höchstens mittelmäßige.
WeiterlesenKekse
10. Mai 2026 — Wieder eingeschlafen, träumte ich, T. und S. kämen zu Besuch. Ich hatte ein schlechtes Gewissen, weil ich mich lange nicht bei ihnen gemeldet hatte; doch alle Sorgen waren unbegründet, das Wiedersehen war das herzlichste. Die Freunde hatten eine »junge Lyrikerin« dabei, die sie mir vorstellen wollten; sie hatte Gedichte von Edward Thomas übersetzt, und T. und S. waren der Ansicht, daß es wichtig für mich sein könnte, die Lyrikerin ihre Übersetzungen oder Nachdichtungen vortragen zu hören. Zu meinem Erstaunen war die Dichterin noch ein Kind, und zwar ein ziemlich dickes. Sie hatte einen Stoffbeutel dabei, in dem sich, wie ich annahm, ihre ausgedruckten oder handgeschriebenen Übersetzungen befanden.
WeiterlesenWidersprüche
10. Mai 2025 — Nachts am Fenster stehend und in die Schwärze blickend, dachte ich an Edward Thomas. Der Weißdorntraum ließ mich an ihn denken, denn auch Thomas liebte, wie jeder Engländer, den Weißdorn.
Was ihn, Thomas, zerriß, war die Gleichzeitigkeit zweier unvereinbarer Sehnsüchte: der Sehnsucht, zu wandern, Landschaft um Landschaft zu entdecken und sich auf immer weiteren Wegen zu verlieren, und der Sehnsucht, bei seiner Frau zu sein, ein Haus zu haben und seßhaft zu sein. Die Seßhaftigkeit war auch notwendig, um mit Zeitungsartikeln und Rezensionen das nötige Geld zu verdienen: eine Tätigkeit, die Thomas immer stärker belastete und lähmte, ja die er zu hassen begann. Wann immer es ging, brach er zum Wandern auf und war dann oft viele Tage verschwunden. Und wenn er nicht wandern konnte, studierte er Landkarten und las alles, was die Romantiker über das Wandern geschrieben hatten. Für diese Widersprüchlichkeit, unter der, wie kaum hinzugefügt zu werden braucht, auch die Ehe litt, gab es keine Lösung. Als der Krieg ausbrach, schien dieser eine Art Lösung zu sein. Der Krieg konnte als verpflichtendes Schicksal begrüßt werden, in tiefem Einverständnis mit der Möglichkeit des eigenen Untergangs.
WeiterlesenWeißdorn und Gesang
10. Mai 2026 — Geträumt, daß Besuch kam, vor dem ich mich sogleich in meine Schlafkammer zurückzog. Es handelte sich um einen »flüchtigen Bekannten« etwa meines Alters, der, wie mir nach dem Erwachen auffiel, keine Ähnlichkeit mit irgendeiner in Wirklichkeit mir bekannten Person aufwies. Sein Erscheinen zu später Stunde – die Sonne war bereits untergegangen – paßte mir nicht; schon der Gedanke daran, mit ihm sprechen zu müssen, langweilte mich maßlos. Trotzdem öffnete ich ihm und ließ ihn, nachdem wir ein paar Worte gewechselt hatten, in der Küche stehen. Die Wohnung hatte übrigens mit keiner je real von mir bewohnten Wohnung irgendeine Ähnlichkeit. Es war eine Dachwohnung »in der Stadt«, einer Kleinstadt, ohne daß ich zu sagen wüßte, um welche Stadt es sich gehandelt haben könnte.
WeiterlesenAn einem Regentag notiert
7. Mai 2026 — »Die Politik der Weltlosigkeit« wird fertig. Ob noch im Mai? Man wird sehen. Man tut, was man kann.
Freilich verleitet gerade die Form des Essays dazu, vom Schreiben immer wieder ins bloße Lesen abzugleiten. Aber was heißt hier »bloß«? Lesend verinnerlichen und befestigen wir unsere Denkbilder.
In der Enge des in Regenwolken steckenden thüringischen Bergdorfs hockend, lese ich also Goethe, der am 22. September 1788, aus Italien in die Enge Weimars zurückgekehrt, an Herder schreibt: »Ich lebe sehr wunderlich. Sehr zusammengenommen, und harre auf Zeit und Stunde.« »Sein Betragen ist sehr sonderbar«, findet zur selben Zeit Herders Frau Caroline und kommt zu dem Schluß: »Für Weimar taugt er nicht mehr.«
WeiterlesenErfurt (#3)
27. April 2026 — Mit J. in der Stadt. Gute Stunden bei schönstem, die Dinge aufschließendem Frühlingswetter. Aber warum müssen die Dinge erst aufgeschlossen werden? Warum sind sie nicht einfach vorhanden?
WeiterlesenDeesbach
8. April 2026 — Mittags ging ich in die Terrassen. Auf dem Weg fiel mir auf, daß es seit dem frühen Morgen völlig still gewesen sein mußte. Denn das lauteste Geräusch des Tages kam jetzt von den Hummeln, die in großer Zahl die hellgrünen Kätzchen der Salweiden umflogen. Der akustische und optische Eindruck war so stark, daß ich auf die Idee kam, einmal ein ganzes Jahr Tag für Tag als reine Abfolge solch knapper Szenen zu beschreiben. Jeden Tag ist es ein anderer Eindruck, der bestimmend, sich einprägend und alle anderen überwiegend aus dem Füllhorn des Seins hervortritt: ein Fensterblick ins Ungesonderte oder, vielleicht zutreffender gesagt, ein täglich wechselnder Vorhang. Die hängende und verhängte Zeit wird, je tiefer wir uns auf sie besinnen, als Folge stehender Bilder kenntlich. Dem Rasen der Zeit liegt eine ungeheure Stille zugrunde, ihrer Veränderlichkeit etwas sagbar Feststehendes. Dir gelingt nicht, das Sagbare der Stille und des feststehenden Ungrundes, von dem sie ausgeht, in Worte zu fassen? Streng dich an, ohne dich anzustrengen. Übe dich im Lassenswerk der Sprache. Nur im Wort und durch das Wort kommen wir dem nahe, was vor dem Wort und jenseits der Sprache ist. »Ueber allen Gipfeln | Ist Ruh’«: Selbst die stillste Musik ist lauter als Goethes Gedicht.
WeiterlesenErfurt (#2)
Für Chr., mit frohem, dankbarem Gruß nach B.
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