10. Mai 2026 — Geträumt, daß Besuch kam, vor dem ich mich sogleich in meine Schlafkammer zurückzog. Es handelte sich um einen »flüchtigen Bekannten« etwa meines Alters, der, wie mir nach dem Erwachen auffiel, keine Ähnlichkeit mit irgendeiner in Wirklichkeit mir bekannten Person aufwies. Sein Erscheinen zu später Stunde – die Sonne war bereits untergegangen – paßte mir nicht; schon der Gedanke daran, mit ihm sprechen zu müssen, langweilte mich maßlos. Trotzdem öffnete ich ihm und ließ ihn, nachdem wir ein paar Worte gewechselt hatten, in der Küche stehen. Die Wohnung hatte übrigens mit keiner je real von mir bewohnten Wohnung irgendeine Ähnlichkeit. Es war eine Dachwohnung »in der Stadt«, einer Kleinstadt, ohne daß ich zu sagen wüßte, um welche Stadt es sich gehandelt haben könnte.
Meine Schlafkammer war klein, fensterlos (die Frage des Lüftens stellte sich im Traum nicht) und vom schmalen Bett abgesehen vollkommen leer. Nicht einmal eine Lampe oder eine Kerze befand sich darin; wahrscheinlich war ich es gewohnt, mich sofort nach Betreten der Kammer ins Bett zu legen und zu schlafen; die Kammer diente nur diesem Zweck. Jetzt aber war sie schwach beleuchtet, denn in der Küche, direkt nebenan, brannte Licht, und die geschlossene Tür war von einem Kranz aus gelbem Licht umgeben, das durch die Ritzen drang. Das Licht störte mich nicht, und daß jetzt Gläser klirrten und Wein entkorkt wurde, empfand ich sogar als angenehm. Es war Mutter, die den Gast bewirtete. Sie mußte lautlos kurz nach meinem Zu-Bett-Gehen eingetroffen sein; ihr plötzliches Erscheinen überraschte mich nicht. Als könnte ich durch die Tür hindurchsehen, sah ich den Tisch mit der Weinflasche und den Gläsern darauf; Mutter und den Gast aber sah ich nicht. Die Küche war in ein goldgelbes, dämmeriges Licht getaucht, das wie ein Nebel und merkwürdigerweise viel dunkler war als die durch die Ritzen der Tür dringenden Strahlen.
Dann wurde gesungen; ich nahm es im Halbschlaf wahr. Mutter und der Gast sangen gemeinsam; es mußte ein von diesem selbst – er war Musiker – komponiertes Lied sein. Das Lied war ungeheuer schön, es dauerte lang, es wollte gar nicht mehr enden. Es war wie die sanften Wellen eines riesigen Sees; der leichte Wind trug immer neue Wellen heran, endlos. War das noch Sprache, oder waren es nur Laute, die Laute des Windes und des Wassers? Der Text des Liedes war in einer mir fremden Sprache verfaßt – aber war, was jetzt gesungen wurde, überhaupt noch Text? Jedenfalls war es Musik, und zwar eine der schönsten je gehörten. Zugleich bereute ich nicht, an der kleinen Feier nicht teilzunehmen; ich war, indem ich zuhörte, ja trotzdem dabei. Um mich zu bewegen, war ich zu müde, und jetzt die Tür zu öffnen und in die Küche zu gehen, kam ohnehin nicht in Frage. »Auf die andere Seite kannst du nicht«, dachte ich. In diesem Augenblick schälte sich aus der Melodie, die die ganze Zeit – wie lange schon? – gesungen worden war, eine neue Melodie heraus, die mich so ergriff, daß Tränen wie ein Bach über die Wangen flossen. Ich ließ es geschehen. Endlos. Die Tränen waren ein den See speisender Bach, aus tiefem Gestein quellend. Wie war es möglich, daß es solche Musik gab? War es eine Musik des Ostens oder des Westens, des Nordens oder des Südens, der Erde oder des Himmels? War es ein Klage- oder ein Loblied? Es war alles dies zugleich und jenseits davon. Es war, als wären der Geist aller Engel des Himmels und die Seelen aller Geschöpfe der Erde gemeinsam in diesem Lied.
Irgendwie mußte ich dann doch aus dem Bett gelangt sein und mitgetrunken haben. Mutter verabschiedete uns, der Sänger und ich verließen das Haus. Die Stimmung war froh, ja gottvoll; meine Erleichterung darüber, daß mir mein schroffes Zu-Bett-Gehen nicht übel genommen worden war, behielt ich für mich. Als wir ein paar Schritte gegangen waren, stieß M. zu uns, der ebenfalls bereits betrunken war und noch eine weitere Flasche Wein dabei hatte. Wir freuten uns über M.s Erscheinen, es war aus einem bestimmten Grund sehr wichtig. Es war jetzt wichtig, aufeinander zu achten. Aber warum war das so? Von den Straßen ging keine Gefahr aus, es war eine schöne Nacht, und wir machten uns zu dritt auf den Weg zum Bahnhof. Er lag zwei oder drei Kilometer außerhalb der Stadt.
Glückliche, nach Blüten duftende Frühlings- oder Frühsommernacht! Die schmale Straße verlief entlang von Bahngleisen; zwischen der Straße und den Gleisen befand sich eine Weißdornhecke, die in voller Blüte stand. Nichts als Weiß, ein zauberhafter Wall, ein magischer Schutzwall, den kein Übel der Welt zu überwinden vermochte. Noch nie hatte ich so üppig blühenden Weißdorn gesehen. Und obwohl klar war, daß ich alleine reisen würde – der Zug wartete bereits; wir gingen seinem Licht entgegen –, belastete kein Vorgefühl von Abschied das Glück des Weges, den Frohsinn der Stunde. Zugleich blitzten Bilder der Ankunftsgegend vor mir auf: teils kahle, teils moosbedeckte Gesteinsbrocken und Felstürme, auf und zwischen denen Heidelbeeren und größere beerenbehangene Sträucher sowie kleine und größere Tannen, Kiefern und Birken wuchsen. Ich sah mich von einem der Brocken aufstehen, der mir als Nachtlager gedient hatte, und blickte im Morgenlicht über eine ganz von Nadelwald und Felsen eingehegte Wiese hinweg, über die wild und herrlich ein vielarmiger Gebirgsbach floß. Und überall sah, ahnte und witterte man Wege, Pfade und Spuren, die zu begehen sein würden, täglich, endlos, in immer neuer Vorfreude auf die nächste Wegbiegung, die nächste Aussicht. Und die Blüten des Weißdorns schienen jetzt aufgesogen zu werden vom Scheinwerferlicht des Zuges, das so hell wurde, daß wir uns in ihm nicht mehr zurechtfanden. Es war ein goldgelber Nebel, der alles außer uns drei Gängern zu verschlucken begann. Verschluckt war das Bahnhofsgebäude, das nirgends mehr zu sehen war; verschluckt war der Zug, in den zu steigen ich vorgehabt hatte; verschluckt war die Weißdornhecke; verschluckt war sogar die Straße, auf der wir gingen und noch ein paar weitere Meter zu gehen gehabt hätten. Unsere wie unbesiegbare Heiterkeit wuchs dadurch nur noch weiter, wir machten alle möglichen Witze und Späße, sprachen dummes Zeug, wie Betrunkene es eben tun, und waren davon überzeugt, einem harmlosen Streich aufgesessen zu sein, dessen Auflösung jetzt nur abgewartet werden konnte. Was immer wir taten, wir tappten tiefer in das Dämmerlicht des Nebels hinein, der die leuchtende Kehrseite der Nacht selbst zu sein schien, und als der einige Meter vorausgelaufene Sänger uns, M. und mir, etwas zurief, das wir nicht verstehen konnten, weil er es, wie ich sogleich begriff, in der Sprache seines Liedes rief, erwachte ich.