Deesbach

8. April 2026 — Mittags ging ich in die Terrassen. Auf dem Weg fiel mir auf, daß es seit dem frühen Morgen völlig still gewesen sein mußte. Denn das lauteste Geräusch des Tages kam jetzt von den Hummeln, die in großer Zahl die hellgrünen Kätzchen der Salweiden umflogen. Der akustische und optische Eindruck war so stark, daß ich auf die Idee kam, einmal ein ganzes Jahr Tag für Tag als reine Abfolge solch knapper Szenen zu beschreiben. Jeden Tag ist es ein anderer Eindruck, der bestimmend, sich einprägend und alle anderen überwiegend aus dem Füllhorn des Seins hervortritt: ein Fensterblick ins Ungesonderte oder, vielleicht zutreffender gesagt, ein täglich wechselnder Vorhang. Die hängende und verhängte Zeit wird, je tiefer wir uns auf sie besinnen, als Folge stehender Bilder kenntlich. Dem Rasen der Zeit liegt eine ungeheure Stille zugrunde, ihrer Veränderlichkeit etwas sagbar Feststehendes. Dir gelingt nicht, das Sagbare der Stille und des feststehenden Ungrundes, von dem sie ausgeht, in Worte zu fassen? Streng dich an, ohne dich anzustrengen. Übe dich im Lassenswerk der Sprache. Nur im Wort und durch das Wort kommen wir dem nahe, was vor dem Wort und jenseits der Sprache ist. »Ueber allen Gipfeln | Ist Ruh’«: Selbst die stillste Musik ist lauter als Goethes Gedicht.

Es ist schön, zu sehen, daß die Terrassen gut gepflegt werden. Sie sind nicht mehr in Gebrauch, werden nicht mehr bewirtschaftet, werden aber regelmäßig vom beginnenden Wildwuchs befreit. So erhält sich ihr Charakter als offenes Gelände, das zugleich aber nicht mehr so schroff leer ist, wie die alten Postkarten es zeigen. Vegetation ist eingewandert und bildet Inseln und Gruppen, die wie Vorweisungen sind. Die Terrassenstufen, die aus der Ferne so winzig aussehen, erweisen sich, begeht man sie, als ungeheuer geräumig; riesige Rotbuchenhaine und Tannen, Schlehenhecken, Salweiden und Kiefern haben hier Platz, ohne daß sich das Offene verliert. Man begreift hier unmittelbar im nicht allein landschaftlichen Sinne, was es heißt, daß Schönheit immer das Ergebnis von Gliederung ist. Dabei hat der Bewuchs der Terrassen nichts von einem Park, sondern ist, da er sich auf freie, natürliche Weise ergeben hat, eingehegte Wildnis (daher das Beglückende dieser selten gewordenen Landschaftsform). Die Wildnis ist nichts Abstraktes. Sie liegt vor in jeder der einzelnen Formen, in die sie sich sondert und gliedert. Was wir als Landschaft bezeichnen, ist immer dieser Zusammenhang des Einzelnen und des Ganzen. Das gilt auch dort, wo Künstliches überwiegt.

Die Terrassenböden sind – dies braucht im Schiefergebirge kaum erwähnt zu werden – mager. Im Sommer hat dies die herrlichsten Blumenteppiche zur Folge, während im Frühling noch kaum etwas blüht. Indes sah ich heute bereits überall das Gefieder des Bärwurzes mit seinem unverwechselbaren Grünton sprießen und widerstand nicht der Versuchung, mehrere Stengel zu zupfen und zwischen den Fingern zu zerreiben, um im Gehen den scharfen, möhrenartigen Duft in der Nase zu haben.

Das unmittelbare Anliegen des kaum von Erdreich bedeckten Gesteins führt in den Terrassen und in der ganzen Umgebung des Dorfes übrigens auch zum Auftreten sehr eigenartiger Formationen, welche aussehen wie Grabhügel, künstliche Aufschüttungen oder wie die Kuppen eines unterirdischen Gebirges. Oder auch wie Ansätze einer dann ausgebliebenen Gebirgsauffaltung oder wie Rudimente eines bereits abgetragenen Hochgebirges. Viele der Buckel sind kenntlich genug, um einen eigenen Namen verdient zu haben, den sie indes, darin den namenlosen Wassern gleichend, nie erhielten. Es ist merkwürdig reizvoll, auf diesen Buckeln zu stehen und innezuhalten; es ist dann, als hätte man eine ältere Erde betreten und wohnte nun der Genese der jüngeren bei, die zugleich, schon lange nicht mehr von Sterblichen besiedelt, als Erinnerungsbild vor Augen steht. Innerhalb der Terrassen formen die Buckel zum Teil auch Wälle, die für zusätzliche Gliederung und Raumgewinn sorgen. Denn: Der Raum mehrt sich, je feiner er sich gliedert.