27. April 2026 — Mit J. in der Stadt. Gute Stunden bei schönstem, die Dinge aufschließendem Frühlingswetter. Aber warum müssen die Dinge erst aufgeschlossen werden? Warum sind sie nicht einfach vorhanden?
Es gibt Tage – im Winterhalbjahr vor allem –, an denen man durch die Straßen der Stadt geht wie über Pappe. Das ist nicht nur in Erfurt so, sondern es scheint zum »Wesen der Stadt« zu gehören. An solchen Tagen gibt es gar keine unterschiedlichen Städte oder Gegenden, sondern nur das Immergleiche in endloser Wiederholung. Die Straßenzüge sind europaweit die identisch farblosen, in denen der europäische Einheitsmensch die europäische Einheitsarchitektur bewohnt. Der Kontinent ist zu einem einzigen eigenschaftslosen »Brüssel« oder »Tschechien« geworden; die unterschiedlichen Sprachen, Küchen und Physiognomien erscheinen als ein leicht zu durchschauender Betrug. Sogar die Landschaft ist Einheitslandschaft: bebaute Ebenen und monoton bewaldete Hügel, nicht wahr? Es ist, als hätten die Autofahrer und alle die Reisenden recht, für die die Orte nur austauschbare Kulissen des sinnlosen Herumfahrens und der unentwegten Parkplatzsuche sind: Anhängsel des sie langsam aussaugenden und zerreibenden Verkehrs. Was bleibt, ist Staub. Kierkegaards Ennui: »Ich stecke den Finger ins Dasein – es riecht nach nichts.« Ein uralter Zerfall hat sämtliche Erhaltungsmaßnahmen und Erneuerungsabsichten überholt. Die Gesichter der Stadtbewohner begegnen als die bedrückten, sorgenvollen, in Probleme verstrickten; ohne Außenwelt; in der Straßenbahn siehst du sie von der Hochhaussiedlung zum Krankenhaus und vom Jobcenter zur Einkaufspassage fahren. Dies ist alles, was da ist und zählt, und warum sollte es nicht genügen? Die Welt der Erlebnismenschen und ihrer Erfolgsgeschichten, der Macher und ihrer Projekte ist untergegangen, und du vermißt sie nicht. Wenn die Berichte nicht trügen, gibt es diese Menschenart noch, aber du bekommst sie nicht mehr zu Gesicht oder weigerst dich, sie zu bemerken. Wenn sie drehärschig herumquatschen, als stünden sie auf einer Bühne (Dreharsch – ein mitteldeutsches Wort, dessen Kenntnis ich D. verdanke), blickst du absichtlich zur anderen Seite und stellst dich taub. Du gehörst jetzt zu denen auf der anderen Seite. Nur hier, unter den Verdrossenen, ist noch Schönheit: die des Ausweglosen, Betongrauen, Regennassen; die der Sorge ums tägliche Brot, den Erhalt der Lebenskraft, das Funktionieren des Alltags; die des Wissens um das Kommen der Katastrophe. Die Stadt, wie sie einst war, als Form und Bild einer langen, uns unendlich überlegenen Vergangenheit? Sie liegt zusammengefaltet in einer verschlossenen Kiste, außer Reichweite, ein vergessenes Spielzeug. Wer hat den Schlüssel?
Der Frühling hat den Schlüssel! Er stellt »neuen Raum in den Raum«, und dieser Raum ist der alte, älteste, unvergängliche, »immerdar« gültige. Die Linden grünen. Die ersten Schwalben fliegen schon; bald kommen die Mauersegler. Bonifatius hat sein Wort gesprochen. Erfurt ist gestiftet und beurkundet. Auf dem Petersberg steht noch immer die Königspfalz (sie stand dort, also steht sie noch). Über den eben erst aus Fulda gebrachten Gebeinen von Adalar und Eoban ragt der Dom, in dem der Einhornaltar leuchtet und die romanische Stuckmaria gebietet. Jetzt ist doch wieder alles ganz anders. Alles ist Außenwelt und lädt dich ein, dich zu verdoppeln, nein, zu vervierfachen, um in alle Himmelsrichtungen gleichzeitig wandern zu können. Alle Wege auf dieser alten Erde sind jung, wie gerade erst geebnet. In die Stadt blicken himmelwach die gotischen und die barocken Fassaden, als wäre nichts geschehen. Was soll denn geschehen sein? Du denkst nach und stellst fest: Nichts ist geschehen. Nichts, was imstande wäre, den Schriftsinn der Dinge zu trüben. Aus dem nahen Gebirge kommend, durchrauscht die Gera die Stadt wie ein klarer Gedanke, auf die in dunklem Grübeln mäandernde Unstrut zu. Alle Tore, die im Winter verschlossen waren, stehen jetzt offen; in den Innenhöfen locken Fachwerk, Rosen, Grabmäler. Von den Bildnissen blickt, in Stein gemeißelt oder in Holz geschnitzt, das liebe Vieh. Die Stadt ist, wie jede, voller Dinge, die es nur hier gibt. Und plötzlich erscheint dir auch wieder bedeutsam, woran du einen ganzen Winter lang nicht dachtest: daß Dom und Severikirche auf dem letzten Ausläufer eines kleinen Höhenzuges errichtet sind, von dessen Westabdachung, noch auf Erfurter Stadtgebiet, die Wasser nach Westen zur Werra fließen – so daß es sein kann, daß dir, wenn du in Hameln oder Minden in die Weser blickst, das Spiegelbild der Westseite des Erfurter Doms in den Stromschnellen erscheint. Und dir fällt, irgendwie damit zusammenhängend, ein, daß Hölderlin den Geist »furchtlosrege« genannt hat, und du nimmst dir vor, dieses Wort in nächster Zeit täglich mitzubedenken.