Pferde im Maischnee

12. Mai 2025 — Die kleinen schiefergrauen Pferde, von denen ich jemanden sagen hörte, es seien polnische, sehen aus, als hätte es sie hier schon immer gegeben. Wie hervorgewachsen aus dem immergleichen Graugrün, bewegliche Landschaftsbestandteile, lieben sie es, sich sehr ansehnlich zu »drapieren«. Wie angeleitet von Auge und Hand eines Malers, sind sie immer darum bemüht, definierende Symbole ihrer Umgebung zu sein und eine monumentale Raumwirkung zu erzielen. Aber da sie immer wieder ihre – zudem ziemlich großen – Gehege wechseln (im Grunde ist ihr Besitzer also der Maler), weiß man nie, wo sie sich gerade befinden und ob man sie antreffen wird. Ihr Anblick hat stets etwas Überraschendes – überraschend wie der Maischnee, in dem ich sie heute, von Oberweißbach kommend, stehen sah. Und eben diese Unverfügbarkeit macht sie (oder ihren Besitzer) »genial«, denn wie wir wissen, sind alle Kunstwerke, in denen der Zufall und die Möglichkeit des Wunders nicht Raum greifen, höchstens mittelmäßige.

Der Schnee fiel am frühen Morgen und hielt sich bis Mittag. Maischnee hat etwas Verstörendes, da er das Zeitfenster des Sommers empfindlich verkleinert. Der längste Tag naht, und wir frieren noch! Zugleich hat er etwas Tröstliches, da die Zeit, indem sie zum absoluten, raumverschlingenden Prinzip wird, an Wichtigkeit einbüßt. Siehe, dies ist die Wirklichkeit! Warum sollte ein Sommer kommen, den du nicht verdient hast, und den womöglich niemand verdient hat? Und was ist die den Sommer verschlingende Schnee-Zeit in ihrem schieren Vorübergehen anderes als unser, der Menschenfische, Atemwasser? Sie ist alles, was da ist, es gibt nur sie!

Ich bin kein großer Auswendigkönner, war es nie, konnte aber, Tier unter Tieren, den Pferden plötzlich die Verse aus Pindars achter Isthmie auswendig hersagen:

Mir aber hat das Schrecknis des Vergangenen / die Kraft des Gedankens zum Erliegen gebracht. Doch auf das vor dem Fuß / ist stets besser zu blicken / bei jeglichem Ding. Denn voller Tücke hängt die Zeit auf den Männern, / windend den Lauf ihres Lebens. Aber heilbar ist den Sterblichen, wird ihnen nur Freiheit geschenkt, / auch das.