21. Juni 2026 — Gelegentlich ist im Haus ein leises, aber durchdringendes Brummen zu vernehmen. Kommt es von draußen? Ich öffne das Fenster und höre nichts. Ich schließe das Fenster und höre das Brummen. Ich gehe durchs Haus und stelle fest, daß es keine Möglichkeit gibt, dem Geräusch irgendwie näherzukommen; es gibt keinen Bereich, in dem es lauter oder leiser wird. Geht es mit einem Vibrieren einher? Es scheint so zu sein (»fühlt sich so an«), ist aber nicht direkt wahrnehmbar. Vielleicht ist es so, daß man das Geräusch des Brummens automatisch mit einem Vibrieren in Verbindung bringt. Alle technischen Ursachen des Phänomens konnten nach und nach ausgeschlossen werden. Am ehesten käme wohl der alte, tatsächlich ein wenig dröhnende, bereits wie ein Museumsgegenstand wirkende, indes bestandsgeschützte Stromzähler infrage, aber der ist es nicht. Oft gerät das Brummen auch wieder in Vergessenheit; es gibt lange Perioden, in denen es gar nicht auftritt. Umso überraschender ist, wenn es dann wieder mit Entschlossenheit erklingt und auf seinem offenbar naturgegebenen Recht, vorhanden zu sein, besteht.
WeiterlesenAutor: Timo Kölling
Im Gehen notiert
An einem Junimorgen voller Losgehn sein.
Am heimischen Kompost blüht der Bauernjasmin.
Als hätte, Ziegenhirte, der Kyffhäuser dich
freigegeben, sind alle jetzt andre und irr.
Ante portas (#3)
17. Juni 2026 — Vom Nordhang der Hettstädt, den der flache, breite Sattel des »westlichen Fensters« mit dem Südhang der Himmelsleiter verbindet, überblickt man die ganze kleine Landschaftskammer, in deren ziemlicher Mitte sich das Haus befindet. Im Osten liegt der andere, der Sattel zwischen Himmelsleiter und Schanze, über den die Wohnstraße hinab ins Dorf führt. Über diesen Sattel hinweg blicken wir in das »nordöstliche Fenster« mit der Ziptannskuppe im Hintergrund. Da wir uns auf einer Hochfläche befinden, welche von den Kuppen der Berge nur um wenige Meter überragt wird, könnte man sich in einer tiefer gelegenen, von sanften Hügeln durchzogenen Gegend wie dem Leinebergland wähnen – indes die großen, unbewaldeten Bergwiesen mit dem leuchtturmweiß strahlenden Fröbelturm darüber eher an Südengland oder Wales denken lassen (ein in Deutschland sehr seltener Effekt).
WeiterlesenHettstädt
15. Juni 2026 — Ich sagte es bereits: Zu sehen gibt es hier nichts. Aber nicht nur Zecken, Bremsen und Hirschlausfliegen bewohnen den Hettstädt, sondern auch sehr viel Wild. Den, der: Ich benutze nun erstmals die korrekte männliche Form. Bisher sagte ich immer »die«: die Hettstädt. Ich glaube, das liegt daran, daß man diese unscheinbare Kuppe – mit 808 m immerhin der höchste Punkt im Landkreis Saalfeld-Rudolstadt – gar nicht als einen Berg empfindet, sondern nur als Gebiet, als Fläche, so wie man sagt: die Senne.
WeiterlesenLob der Geduld / Fehlerteufel
12. Juni 2026 — Es ist wahr (sagte ich mir heute), daß ich dankbar für die Geduld derer sein muß, die mein neues Buch »Die Politik der Weltlosigkeit« vorbestellt und es noch nicht bekommen haben, weil es noch nicht erschienen ist. Was gibt es Lobenswerteres, dankbarer Stimmendes als die Geduld? Ich muß mich – shame on me – diesbezüglich aber auch selbst loben. Ohnehin immer darum bemüht, auch hier im Blog zu betonen, daß Sie es mit einem unverbesserlich LANGSAMEN zu tun haben, war und ist nichts und niemand dazu imstande, mir die Geduld gegenüber dem eigenen Text zu nehmen, der gewiß längst hätte fertig sein sollen, indes mit immer neuen kleinen Schwierigkeiten, Unebenheiten, Verhakungen, Seitenwegen aufwartet. »Sehr bald« aber ists soweit; »kurze Weile« noch!
WeiterlesenAnte portas (#2)
9. Juni 2026 — Großem Regen kann man im Haus gelassen entgegen sehen, jedenfalls soweit es das Fundament betrifft. Feuchtigkeit im Keller kommt vor, ist aber kein großes Problem, ganz anders als weiter unten in den steilen Hang- und den engen Tallagen, wo Bäche anschwellen oder das lehmigere Erdreich sein Wasser durch Mauern zu drücken liebt. Die Erde hier oben, wo die Wasser erst ihren Anfang nehmen: leicht und hell, der Naturwissenschaftler nennt es »flachgründig«. Der Standort des Hauses auf dem Sattel zwischen Himmelsleiter und Schanze, noch über den Sickerquellen des Horbachs, erweist sich, die Wege des Wassers betreffend, als glücklich. Im hinteren Bereich des Kellers, von wo ein Scheunentor in den Garten führt – der Keller ist eigentlich, jedenfalls zur Hälfte, Erdgeschoß –, steht man direkt auf dem nackten, glatten, leicht unebenen, von flachen Kuhlen durchsetzten Schiefer. Würde man diese Fläche in freier Natur entdecken – sofort würde man Matte und Schlafsack ausbreiten wollen, um auf ihr zu übernachten. Und nun tue ich dies also seit sechs Jahren gewissermaßen immer: wenn auch in einem Bett schräg versetzt hoch über dieser Schieferfläche. An die natürliche Radioaktivität des Gesteins hat beim Hausbau vor hundert Jahren vermutlich niemand gedacht. Jetzt bleibt nichts, als die Gefahr, sich durchs bloße Wohnen mit Radon zu vergiften, in Kauf zu nehmen. Es ist, alchemistisch gesprochen, eine trockene Gefahr; sie bleibt ganz abstrakt, solange man nicht mit einem Meßgerät durchs Haus läuft. Ich habe nicht vor, dies zu tun (wären Kinder da, ja, dann müßte man es wohl).
WeiterlesenPferde im Maischnee
12. Mai 2025 — Die kleinen schiefergrauen Pferde, von denen ich jemanden sagen hörte, es seien polnische, sehen aus, als hätte es sie hier schon immer gegeben. Wie hervorgewachsen aus dem immergleichen Graugrün, bewegliche Landschaftsbestandteile, lieben sie es, sich sehr ansehnlich zu »drapieren«. Wie angeleitet von Auge und Hand eines Malers, sind sie immer darum bemüht, definierende Symbole ihrer Umgebung zu sein und eine monumentale Raumwirkung zu erzielen. Aber da sie immer wieder ihre – zudem ziemlich großen – Gehege wechseln (im Grunde ist ihr Besitzer also der Maler), weiß man nie, wo sie sich gerade befinden und ob man sie antreffen wird. Ihr Anblick hat stets etwas Überraschendes – überraschend wie der Maischnee, in dem ich sie heute, von Oberweißbach kommend, stehen sah. Und eben diese Unverfügbarkeit macht sie (oder ihren Besitzer) »genial«, denn wie wir wissen, sind alle Kunstwerke, in denen der Zufall und die Möglichkeit des Wunders nicht Raum greifen, höchstens mittelmäßige.
WeiterlesenKekse
10. Mai 2026 — Wieder eingeschlafen, träumte ich, T. und S. kämen zu Besuch. Ich hatte ein schlechtes Gewissen, weil ich mich lange nicht bei ihnen gemeldet hatte; doch alle Sorgen waren unbegründet, das Wiedersehen war das herzlichste. Die Freunde hatten eine »junge Lyrikerin« dabei, die sie mir vorstellen wollten; sie hatte Gedichte von Edward Thomas übersetzt, und T. und S. waren der Ansicht, daß es wichtig für mich sein könnte, die Lyrikerin ihre Übersetzungen oder Nachdichtungen vortragen zu hören. Zu meinem Erstaunen war die Dichterin noch ein Kind, und zwar ein ziemlich dickes. Sie hatte einen Stoffbeutel dabei, in dem sich, wie ich annahm, ihre ausgedruckten oder handgeschriebenen Übersetzungen befanden.
WeiterlesenWidersprüche
10. Mai 2025 — Nachts am Fenster stehend und in die Schwärze blickend, dachte ich an Edward Thomas. Der Weißdorntraum ließ mich an ihn denken, denn auch Thomas liebte, wie jeder Engländer, den Weißdorn.
Was ihn, Thomas, zerriß, war die Gleichzeitigkeit zweier unvereinbarer Sehnsüchte: der Sehnsucht, zu wandern, Landschaft um Landschaft zu entdecken und sich auf immer weiteren Wegen zu verlieren, und der Sehnsucht, bei seiner Frau zu sein, ein Haus zu haben und seßhaft zu sein. Die Seßhaftigkeit war auch notwendig, um mit Zeitungsartikeln und Rezensionen das nötige Geld zu verdienen: eine Tätigkeit, die Thomas immer stärker belastete und lähmte, ja die er zu hassen begann. Wann immer es ging, brach er zum Wandern auf und war dann oft viele Tage verschwunden. Und wenn er nicht wandern konnte, studierte er Landkarten und las alles, was die Romantiker über das Wandern geschrieben hatten. Für diese Widersprüchlichkeit, unter der, wie kaum hinzugefügt zu werden braucht, auch die Ehe litt, gab es keine Lösung. Als der Krieg ausbrach, schien dieser eine Art Lösung zu sein. Der Krieg konnte als verpflichtendes Schicksal begrüßt werden, in tiefem Einverständnis mit der Möglichkeit des eigenen Untergangs.
WeiterlesenWeißdorn und Gesang
10. Mai 2026 — Geträumt, daß Besuch kam, vor dem ich mich sogleich in meine Schlafkammer zurückzog. Es handelte sich um einen »flüchtigen Bekannten« etwa meines Alters, der, wie mir nach dem Erwachen auffiel, keine Ähnlichkeit mit irgendeiner in Wirklichkeit mir bekannten Person aufwies. Sein Erscheinen zu später Stunde – die Sonne war bereits untergegangen – paßte mir nicht; schon der Gedanke daran, mit ihm sprechen zu müssen, langweilte mich maßlos. Trotzdem öffnete ich ihm und ließ ihn, nachdem wir ein paar Worte gewechselt hatten, in der Küche stehen. Die Wohnung hatte übrigens mit keiner je real von mir bewohnten Wohnung irgendeine Ähnlichkeit. Es war eine Dachwohnung »in der Stadt«, einer Kleinstadt, ohne daß ich zu sagen wüßte, um welche Stadt es sich gehandelt haben könnte.
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