26. Juli 2026 — Ich hatte den falschen Eingang genommen. Jetzt stellte ich fest, daß es sich nicht um einen Tunnel mit zwei Eingängen handelte, sondern um zwei verschiedene Tunnel. Der Gang war immer enger geworden und würde bald enden; ich konnte mich schon kaum mehr bewegen. Wie durch die Augen eines anderen sah ich mich gekrümmt in dem Tunnel hocken, und von außen drückten morsche Holzbalken gegen das Gewölbe, auf denen nasser schwerer Schnee lag.
WeiterlesenAutor: Timo Kölling
Einholung des Raums (#3)
23. Juli 2026 — Nachmittags bei guter Fernsicht unter meerartig sich breitenden regenlosen Wolken zum Kirchberg gegangen. Auch dort, wohin täglich Leute fahren, um auf den Turm zu steigen und die Gaststätte zu besuchen, schien noch kaum jemand Blaubeeren gepflückt zu haben. Während des Pflückens immer wieder die Blicke nach Norden, durch Kiefern und dürre Ebereschen hindurch. Und dies ist nun die Gelegenheit, ihn, den Norden, endlich zu beschreiben. Erst damit verlassen wir die mutwillig in die Länge gezogene Anfangsphase dieses Blogs; erst mit dem nördlichen Panorama ist der ganze Raum eingeholt, der sich den die kleine Landschaftskammer »Neu-Deesbachs« umgebenden Wasserscheiden darbietet. Was also sehen wir?
WeiterlesenTraumnahrung
Juli 2026 — Viel draußen, um Blaubeeren und mich selbst zu sammeln. Beeren gibt es in rauhen Mengen, mich dagegen – was nichts macht, denn es ist Sommer – nur spärlich. Langsam und geheimnisvoll ziehen die Bilder des Sommers durchs Land und sind zu schön, um nur Kulisse des Eigenen und seiner Erlebnisse zu sein. Warum nicht das Umgekehrte versuchen? Selbst zur Kulisse des Sommers zu werden: Ist dies nicht eine schöne Idee von »Selbsttransformation«? An Ort und Stelle bleiben, nur dies. Eine Schwalbe über ihrem Feld, eine Eidechse auf ihrem Stein, eine Ringelnatter in ihrem Teich …
Aber wäre nicht auch dies ein »Erlebnis«? Diesem Spiel entrinnst du nicht.
WeiterlesenTime’s Up!
18. Juli 2026 — Traum: Im ungemütlich ausgeleuchteten Hinterzimmer einer Kneipe saß ich mit einer Gruppe von Unbekannten beim Brettspiel. Das Spielbrett war kariert, aus Holz und so groß, daß es den ganzen Tisch einnahm. Es war kein Schach, sondern etwas anderes; obwohl ich sie nicht hätte erklären können, kannte ich die Regeln. Jetzt befand sich nur eine einzige Spielfigur in Form eines L-Tetrominos auf dem Brett; es war das »Panzerpferd«, das man aber aufgrund der abstrakt geometrischen Form allenfalls für einen LKW halten konnte.
WeiterlesenPoor Man’s Travel Blog
17. Juli 2026 — In Abwandlung eines Wortes von Paul Valéry: Es würde nichts Geschriebenes von mir geben, wenn ich nicht seine Entstehung auf langen Fußwegen, welche die zum Schreiben benötigte Zeit und Kraft verbrauchen, stets fast verhindern würde. Wandern ist eine Form der Selbstkritik: Die eigenen Wege werden durchkreuzt, Morsches wird abgerissen, Wildwuchs beseitigt. Der Autor, der seine »Idee«, seine »Masche«, seinen »Stil« gefunden hat, und auf dieser Bahn enthemmt, mit unbelehrbarem Idealismus »fortwirkt«, ist eine grauenerregende Vorstellung.
WeiterlesenLänge der Zeit
Ende Juni 2026 — Den echten, den gelingenden Sommer erkennen wir an seiner Geräumigkeit: am schönen Sich-Ausdehnen der Zeit. Die Zeit des sich breitenden Sommers ist von geheimnisvoller Länge. Oder um es mit einem Satz mit »und« zu sagen: Es sommert ein, und die Zeit ist lang. Bedenke, Leser, die Wahrheit dieses »und«! Vergänglichkeit ist nirgends zu entdecken, sie ist, wenn der Knabe Aion die Figuren führt, nicht länger Teil des Spiels. Überall ist Sieg. Wohin du auch blickst, steht das Jahr noch vor alleden kleinen Schwellen, deren Gesamtheit wir »Sommer« nennen, und jede dieser köstlichen Fristen, die, selbst wenn sie dann ablaufen, in neue Fristen einmünden, bringt Zeit hervor, unermeßlich viel, du kannst sie nicht ausschöpfen. Der kleine Fluß unserer Lebenszeit erklärt nicht den von unterirdischen Quellen gespeisten See, an dessen Ufer wir mit großem Behagen weilen.
WeiterlesenAnte portas (#4)
21. Juni 2026 — Gelegentlich ist im Haus ein leises, aber durchdringendes Brummen zu vernehmen. Kommt es von draußen? Ich öffne das Fenster und höre nichts. Ich schließe das Fenster und höre das Brummen. Ich gehe durchs Haus und stelle fest, daß es keine Möglichkeit gibt, dem Geräusch irgendwie näherzukommen; es gibt keinen Bereich, in dem es lauter oder leiser wird. Geht es mit einem Vibrieren einher? Es scheint so zu sein (»fühlt sich so an«), ist aber nicht direkt wahrnehmbar. Vielleicht ist es so, daß man das Geräusch des Brummens automatisch mit einem Vibrieren in Verbindung bringt. Alle technischen Ursachen des Phänomens konnten nach und nach ausgeschlossen werden. Am ehesten käme wohl der alte, tatsächlich ein wenig dröhnende, bereits wie ein Museumsgegenstand wirkende, indes bestandsgeschützte Stromzähler infrage, aber der ist es nicht. Oft gerät das Brummen auch wieder in Vergessenheit; es gibt lange Perioden, in denen es gar nicht auftritt. Umso überraschender ist, wenn es dann wieder mit Entschlossenheit erklingt und auf seinem offenbar naturgegebenen Recht, vorhanden zu sein, besteht.
WeiterlesenIm Gehen notiert
An einem Junimorgen voller Losgehn sein.
Am heimischen Kompost blüht der Bauernjasmin.
Als hätte, Ziegenhirte, der Kyffhäuser dich
freigegeben, sind alle jetzt andre und irr.
Ante portas (#3)
17. Juni 2026 — Vom Nordhang der Hettstädt, den der flache, breite Sattel des »westlichen Fensters« mit dem Südhang der Himmelsleiter verbindet, überblickt man die ganze kleine Landschaftskammer, in deren ziemlicher Mitte sich das Haus befindet. Im Osten liegt der andere, der Sattel zwischen Himmelsleiter und Schanze, über den die Wohnstraße hinab ins Dorf führt. Über diesen Sattel hinweg blicken wir in das »nordöstliche Fenster« mit der Ziptannskuppe im Hintergrund. Da wir uns auf einer Hochfläche befinden, welche von den Kuppen der Berge nur um wenige Meter überragt wird, könnte man sich in einer tiefer gelegenen, von sanften Hügeln durchzogenen Gegend wie dem Leinebergland wähnen – indes die großen, unbewaldeten Bergwiesen mit dem leuchtturmweiß strahlenden Fröbelturm darüber eher an Südengland oder Wales denken lassen (ein in Deutschland sehr seltener Effekt).
WeiterlesenHettstädt
15. Juni 2026 — Ich sagte es bereits: Zu sehen gibt es hier nichts. Aber nicht nur Zecken, Bremsen und Hirschlausfliegen bewohnen den Hettstädt, sondern auch sehr viel Wild. Den, der: Ich benutze nun erstmals die korrekte männliche Form. Bisher sagte ich immer »die«: die Hettstädt. Ich glaube, das liegt daran, daß man diese unscheinbare Kuppe – mit 808 m immerhin der höchste Punkt im Landkreis Saalfeld-Rudolstadt – gar nicht als einen Berg empfindet, sondern nur als Gebiet, als Fläche, so wie man sagt: die Senne.
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