An einem Regentag notiert

7. Mai 2026 — »Die Politik der Weltlosigkeit« wird fertig. Ob noch im Mai? Man wird sehen. Man tut, was man kann.

Freilich verleitet gerade die Form des Essays dazu, vom Schreiben immer wieder ins bloße Lesen abzugleiten. Aber was heißt hier »bloß«? Lesend verinnerlichen und befestigen wir unsere Denkbilder.

In der Enge des in Regenwolken steckenden thüringischen Bergdorfs hockend, lese ich also Goethe, der am 22. September 1788, aus Italien in die Enge Weimars zurückgekehrt, an Herder schreibt: »Ich lebe sehr wunderlich. Sehr zusammengenommen, und harre auf Zeit und Stunde.« »Sein Betragen ist sehr sonderbar«, findet zur selben Zeit Herders Frau Caroline und kommt zu dem Schluß: »Für Weimar taugt er nicht mehr.«

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Deesbach

8. April 2026 — Mittags ging ich in die Terrassen. Auf dem Weg fiel mir auf, daß es seit dem frühen Morgen völlig still gewesen sein mußte. Denn das lauteste Geräusch des Tages kam jetzt von den Hummeln, die in großer Zahl die hellgrünen Kätzchen der Salweiden umflogen. Der akustische und optische Eindruck war so stark, daß ich auf die Idee kam, einmal ein ganzes Jahr Tag für Tag als reine Abfolge solch knapper Szenen zu beschreiben. Jeden Tag ist es ein anderer Eindruck, der bestimmend, sich einprägend und alle anderen überwiegend aus dem Füllhorn des Seins hervortritt: ein Fensterblick ins Ungesonderte oder, vielleicht zutreffender gesagt, ein täglich wechselnder Vorhang. Die hängende und verhängte Zeit wird, je tiefer wir uns auf sie besinnen, als Folge stehender Bilder kenntlich. Dem Rasen der Zeit liegt eine ungeheure Stille zugrunde, ihrer Veränderlichkeit etwas sagbar Feststehendes. Dir gelingt nicht, das Sagbare der Stille und des feststehenden Ungrundes, von dem sie ausgeht, in Worte zu fassen? Streng dich an, ohne dich anzustrengen. Übe dich im Lassenswerk der Sprache. Nur im Wort und durch das Wort kommen wir dem nahe, was vor dem Wort und jenseits der Sprache ist. »Ueber allen Gipfeln | Ist Ruh’«: Selbst die stillste Musik ist lauter als Goethes Gedicht.

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Außer Reichweite

2. März 2026 — Bibliotheksbesorgungen in Leipzig: eine Tagesreise. Morgens erst spät losgekommen, da ich mich, zwar nichts essend, bei einer Kanne Brennesseltee und zwei Tassen Kaffee festgelesen hatte. Dann ging ich, einer Lust folgend, statt den Bus zu nehmen zu Fuß hinunter zum Bahnhof Mellenbach und genoß, schnellen Schrittes, die unermeßliche »Würzigkeit« (das Wort sei trotz Kitschverdachts erlaubt) des von Sonne durchklärten Vormittags. Das sind die kleinen Schönheiten und Freiheiten, die man, im gefühlt sehr engen Käfig der Sorgen und Besorgungen steckend, nebenher so mitnimmt.

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Bitte um Vorbestellung (aktualisiert)

8. März 2026 — Heute: meinen Dank an alle, die »Die Politik der Weltlosigkeit« bereits vorbestellt haben!

Bisher sind weniger Vorbestellungen eingetroffen, als es bei »Der Spalt der Metapolitik« der Fall war (ungefähr die Hälfte). Vielleicht liegt das daran, daß die erste Ankündigung hinsichtlich des Buchinhaltes noch eher vage geblieben war. Heute nun kann ich dem Titel »Die Politik der Weltlosigkeit« auch den Klappentext bzw. eine ausformulierte Inhaltsangabe hinzufügen. Ich würde mich freuen, wenn dies noch ein paar Unentschlossene zur Vorbestellung bewegt. Denn bei akuter Mangellage stottert das Fahrzeug der Arbeit doch sehr bedenklich.

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Neue Bühne

26. Februar 2026 — Als wäre das ganze Land von den namenlosen Wassern durchspült worden, erschien es plötzlich wie auf neuer Bühne. Ungläubiges, leises Herumtappen der wenigen Passanten in der herrlichen Öde des frühen Frühlings am Bahnhof Rottenbach, bei großem Spatzenbetrieb in der unbelaubten Dornenhecke hinter den Gleisen. Hier könnte man absichtlich den Zug verpassen, um eine Stunde lang ins dichte Gezweig mit den vertrockneten Beeren zu starren, während Rauch aus den Schornsteinen steigt und Sonnenstrahlen den Dunst auflösen, der sich in der von Wald umgebenen Talschneise oft bis zum Nachmittag hält. Merkwürdig, wie die eigene Kraftlosigkeit den Sinn für die Schönheit der Dinge schärft, als läge Heil darin, daß man, »eines Schattens Traum«, von der Teilhabe ausgeschlossen bleibt. Auf der Fahrt nach Erfurt dann die weiten Blicke in die dem eilig nach Nordwesten flüchtenden Thüringer Wald vorgelagerten Landschaftskammern mit ihren Zeugenbergen und Burgen, malerisch unter Schleierwolken, wie ein großes Museum am Tag vor Eröffnung, jetzt noch unbetretbar, durch ein unsichtbares Absperrband vor der Ungeduld der gierigen Besichtigungswilligen geschützt.

Die namenlosen Wasser

25. Februar 2026 — Wie gelingt es, sich an die viel zu schnell schon wieder lang und länger werdenden Tage zu gewöhnen? Von Jahr zu Jahr mehr wäre, bevor dieses Erschreckende geschieht, ein Winterschlaf als Tier unter Tieren nötig, eine Stillstellung des ganzen Lebens ohne menschliche Aktivität, eine weit nach Süden ausgreifende Polarnacht; ohne Weihnachts- und Neujahrsbetrieb auch, als »Fest« geltend allein die vom Vieh umstandene Krippe in der Einsamkeit der rein auf der Traumseite durchlebten Rauhnächte. — Wie also, da der Winter nicht genügte und die Sehnsucht bis vor kurzem noch ins Dunkle und immer Dunklere wie in eine Kaninchenhöhle ging, seinen Raum (den Geh-Raum, der immer auch Denk-Raum ist) wiedergewinnen, wenn die rapide schneefrei gewordenen Hügel nur das Gesicht der nagenden Zeit, des Mangels und der eigenen Unzulänglichkeit zu zeigen scheinen? Der sonst so zuverlässig wirksame Kohlmeisenschlag – vorweltlichstes aller Geräusche! – konnte es in diesem Jahr noch nicht bewerkstelligen, »neuen Raum in den Raum« zu stellen, und bis zum Aufgang des Schwalbengeräums ists noch eine Weile. Das Entscheidende, die »Ermannung« oder Herzerhebung, muß vorher geschehen. Was könnte helfen? Vielleicht (so schien es mir gestern im Gehen) hilft jetzt der tief beglückende Anblick der namenlosen Wasser! Heide genug, um es gewohnt zu sein, die Elemente anzurufen (wenngleich nur im Stillen), sah ich sie entlang der Alten Poststraße plötzlich überall.

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