Ante portas (#2)

9. Juni 2026 — Großem Regen kann man im Haus gelassen entgegen sehen, jedenfalls soweit es das Fundament betrifft. Feuchtigkeit im Keller kommt vor, ist aber kein großes Problem, ganz anders als weiter unten in den steilen Hang- und den engen Tallagen, wo Bäche anschwellen oder das lehmigere Erdreich sein Wasser durch Mauern zu drücken liebt. Die Erde hier oben, wo die Wasser erst ihren Anfang nehmen: leicht und hell, der Naturwissenschaftler nennt es »flachgründig«. Der Standort des Hauses auf dem Sattel zwischen Himmelsleiter und Schanze, noch über den Sickerquellen des Horbachs, erweist sich, die Wege des Wassers betreffend, als glücklich. Im hinteren Bereich des Kellers, von wo ein Scheunentor in den Garten führt – der Keller ist eigentlich, jedenfalls zur Hälfte, Erdgeschoß –, steht man direkt auf dem nackten, glatten, leicht unebenen, von flachen Kuhlen durchsetzten Schiefer. Würde man diese Fläche in freier Natur entdecken – sofort würde man Matte und Schlafsack ausbreiten wollen, um auf ihr zu übernachten. Und nun tue ich dies also seit sechs Jahren gewissermaßen immer: wenn auch in einem Bett schräg versetzt hoch über dieser Schieferfläche. An die natürliche Radioaktivität des Gesteins hat beim Hausbau vor hundert Jahren vermutlich niemand gedacht. Jetzt bleibt nichts, als die Gefahr, sich durchs bloße Wohnen mit Radon zu vergiften, in Kauf zu nehmen. Es ist, alchemistisch gesprochen, eine trockene Gefahr; sie bleibt ganz abstrakt, solange man nicht mit einem Meßgerät durchs Haus läuft. Ich habe nicht vor, dies zu tun (wären Kinder da, ja, dann müßte man es wohl).

Es ist schön, bei den Quellen zu wohnen. Geht man durchs Gartentor und in gerader Linie über die angrenzende Wiese, so betritt man, den schräg verlaufenden Sattel bereits verlassend, den an dieser Stelle sanft geneigten Randbereich der vom Dreieck Himmelsleiter – Schanze – Hettstädt eingerahmten unbewaldeten, von Matten bedeckten Quellmulde. Matten: so darf man sie in einem dialektunabhängigen, inhaltlich bestimmteren Sinne wohl nennen, die typisch trocken-mageren Bergwiesen, die sich ab Mai wie durch Gotteswort in Blumenmeere verwandeln. Daß die Erde »flachgründig« ist und das Gestein unmittelbar »ansteht« (wie man, falls ich nicht irre, sagt), erkennt man schon an der gewölbten Form der von kleinen Buckeln durchzogenen Hänge; immer wieder findet man Stellen, an denen der Fels wie im Hauskeller nackt an die Oberfläche tritt. Umso überraschender ist, daß alte, langsam verwitternde Zaunpfähle, auf denen man, wenn es neblig ist, Raben hocken zu sehen wünscht, bereits im oberen Randbereich der Mulde eine Stelle markieren, an der die Erde matschig, gar sumpfig zu werden beginnt. Man erkennt es auch am dunkleren Ton des schilfartigen Grases, das aus der Entfernung aussieht, als fiele der Schatten einer Wolke auf die Stelle. Von hier aus überblickt man die ganze zum »südöstlichen Fenster« hin sich eintiefende Mulde und stellt fest, daß ihre Tiefe und Weite erhebliche sind: ein Gegenstand immerwährenden Staunens. Es ist, als wohnte man auf dem Rand einer Vase oder als blickte man in eine Glaskugel, in der als unausdeutbare Prophezeiung eben diese Quell-Landschaft erscheint. Siehe, diesem Wesen gleichst du dich an oder hast es bereits getan!

Was den Anblick der Mulde so besonders macht, ist, daß der quer am Hang der Hettstädt verlaufende Hauptgraben des Horbachs ergänzt wird von mehreren kleineren Gräben und Falten, die erst nach einigen hundert Metern, am Grund der Mulde, in einen Graben zusammenlaufen. Erst dort, wo auch der Wald anfängt, beginnt im eigentlichen Sinne, die Mulde fortsetzend, das Tal des Horbachs, und die umgebenden Hänge werden so steil, daß der erste Talabschnitt nahezu, jedenfalls in Andeutung, die Figur einer Schlucht oder Klamm annimmt (wozu auch die kleinen, schön anzusehenden Felsstufen im Bachlauf gehören). Direkt unterhalb des Hauses aber beginnt eben dort, wo sich auch genannte sumpfige Stelle befindet, der größte der Nebengräben sich einzutiefen (Wasser rinnt darin nur spärlich) und wird in seinem Verlauf, schon nach wenigen Metern, beinahe (wiederum in Andeutung) zu einem Hohlweg, über den ein Jägerhochsitz, drei mächtige Tannen und eine Eberesche wachen. Auf der Wanderkarte ist hier tatsächlich ein Pfad eingezeichnet, der in Wirklichkeit aber nicht oder nicht mehr existiert; erst bei Betreten des Waldes, im Bereich der Schlucht oder Klamm, wird er wieder sichtbar, ist aber wegen herumliegenden Totholzes schwierig zu begehen. Auch wird der Boden, folgt man dem Hohlweg hangabwärts, zunächst immer matschiger; dem Wald unmittelbar vorgelagert ist eine größere sumpfige Fläche mit vielen kleinen Quellen darin, die keinen festen Ort haben, sondern versiegen und neu entstehen, wie es ihnen beliebt, so daß das flache Erdreich mit dem mächtigen Schiefer darunter den Charakter eines Geschiebes annimmt. Man betritt dieses Areal, immer an den trockenen, festen Rändern bleibend, schon deshalb sehr ehrfürchtig und achtsam, weil hier Blumen wachsen, deren Namen – breitblättriges Knabenkraut, Wald-Läusekraut, Floh-Segge – ich nicht kennen würde, wenn nicht eine Internetseite des »Thüringer Landschaftspflegeverbandes« über die »Feuchtfluren von Neu-Deesbach« informieren würde. Ohne Kenntnis dieser Namen würde man vor allem das Vorkommen kleiner Orchideen bewundern und den Anblick des üppig sprießenden Bärwurzes genießen, der über die Matten bis an den Waldrand vordringt und dort in Inseln aus dem seinerseits aus dem Wald vordringenden Meer des Heidelbeerkrauts hervorragt.

Der in älteren Tagen wohl in Gebrauch gewesene und jetzt von niemandem mehr gebrauchte, da verwischte, vom Geschiebe der Quellen versumpfte, langsam in das Archiv der Erde zurücksinkende Pfad hinab ins Horbachtal beschäftigt die Gedanken schon deshalb ständig, weil er die erste, natürliche Verbindung des Hauses und seiner kleinräumigen Landschaftskammer mit »der Welt« darstellt – oder jedenfalls einst, bis weit ins 20. Jahrhundert hinein, wohl darstellte. Es ist, wie Robert Macfarlane in »Alte Wege« schreibt: »Der Kopf kann nicht umhin, dieser Linie über das Land zu folgen – nicht nur voran durch den Raum, sondern auch zurück durch die Zeit, hinein in die Geschichte des Weges und all derer, die ihn genutzt haben.« Zeugnisse dieser Vergangenheit sind noch im Haus vorhanden: eine Kiepe, zahlreiche verrostete Forken, morsche Rechen und andere alte Gartenwerkzeuge, sowie im Keller, hinter dem Scheunentor, ein Heuwagen. Und einmal, vor zwei oder drei Jahren an einem frühen Morgen im Hochsommer, sah ich dann doch jemanden den Pfad gebrauchen: ein Wanderer oder Dorfbewohner kam mit Hut, Stock und Kiepe aus dem Tal und durch den Hohlweg herauf, und an der Art seines Gehens war zu erkennen, daß es für ihn ganz selbstverständlich war, zu Fuß in dieser Art von Gelände unterwegs zu sein. Rufe ich dieses Bild herauf, so bin ich mir allerdings nicht ganz sicher, ob es nicht bloß ein Traum oder der Blick in einen vom Gedächtnis des Ortes hervorgerufenen Zeitspalt war.

Wenn der Pfad die Gedanken auch nachts, wenn man ihn gar nicht sieht, zu beschäftigen vermag, so liegt das daran, daß die Quellmulde und der erste, schluchtartige Talabschnitt auch ein ungeheurer Klangraum sind. Jedes Geräusch – das Rauschen des oberen Bachlaufs nach Regentagen, ein Gewitter, das Rufen der Rinder, Hundegebell – ruft einen unwahrscheinlichen Hall hervor. Der schönste Hall aber ist jener der Vogelstimmen im Spätwinter, im Frühling und im Frühsommer bei Sonnenaufgang und Sonnenuntergang. Nicht nur hallen dann die nahen Vogelstimmen des eigenen Gartens von den »Gefäßwänden« der Mulde wider und zum »Vasenrand« zurück, sondern es hallen auch weit entfernte Vogelstimmen aus der Schlucht und aus dem ganzen Tal herauf: hinter jedem Ruf in der Kaskade von Rufen wird ein noch fernerer, verhallterer, aber kaum leiserer vernehmbar. Und obwohl es viele Stimmen sind, scheinen sie sich nicht zu vermischen; es ist, als läge zwischen ihnen nicht allein die Abständigkeit des Raums, sondern auch eine unmeßbare Zeit. Warum hören wir dies so gerne? Weshalb weckt es im Herzen eine solch unbeschreibliche Sehnsucht? Alles Feste scheint sich aufzulösen, und eine uralte Rastlosigkeit wird wach. Sinnlos wäre es, loszulaufen, um dieser Magie näherzukommen, die an jeder Stelle im Raum dieselbe ist; du kannst sie nicht einfangen. Was aber geht es den Wanderer an, ob sein Tun einen Sinn hat? Eines Morgens brichst du auf, schwer oder leicht, traurig oder froh, und folgst diesem Zauber; die Vogelstimmen weisen dir den Weg. Nicht mehr wie ein Mensch wirst du wandern, sondern schicksallos und gleichmütig wie Wasser, wie Tiere, wie Wolken, wie Geister. Es gibt dann keinen Sieg, keine Niederlage mehr, keine Selbstbehauptung, keinen Untergang, keinen Frieden, keinen Krieg. Was gibt es noch? Es gibt die Zeitlosigkeit des Elementaren und einen unermeßlichen, gegenstandslos gewordenen Mut. Es ist, als hätte die Seele einen Gipfel der Betrachtung erreicht, auf dem ihr ihre eigene Unruhe als Geschenk überreicht wird. Mehr war nicht zu tun. Hat das magische Gefäß gehalten, ist es zerbrochen? Es gibt niemanden, der diese Frage beantworten könnte; es gibt keine Möglichkeit des Urteils. Vor dir aber, rastlose Seele, liegt noch »gute Strecke«, und die Wege locken dich, Vogelstimmen gleich, als müßtest du wandernd eintauchen in den Fluß Lethe und alle deine Werke unwirksam machen.