Widersprüche

10. Mai 2025 — Nachts am Fenster stehend und in die Schwärze blickend, dachte ich an Edward Thomas. Der Weißdorntraum ließ mich an ihn denken, denn auch Thomas liebte, wie jeder Engländer, den Weißdorn.

Was ihn, Thomas, zerriß, war die Gleichzeitigkeit zweier unvereinbarer Sehnsüchte: der Sehnsucht, zu wandern, Landschaft um Landschaft zu entdecken und sich auf immer weiteren Wegen zu verlieren, und der Sehnsucht, bei seiner Frau zu sein, ein Haus zu haben und seßhaft zu sein. Die Seßhaftigkeit war auch notwendig, um mit Zeitungsartikeln und Rezensionen das nötige Geld zu verdienen: eine Tätigkeit, die Thomas immer stärker belastete und lähmte, ja die er zu hassen begann. Wann immer es ging, brach er zum Wandern auf und war dann oft viele Tage verschwunden. Und wenn er nicht wandern konnte, studierte er Landkarten und las alles, was die Romantiker über das Wandern geschrieben hatten. Für diese Widersprüchlichkeit, unter der, wie kaum hinzugefügt zu werden braucht, auch die Ehe litt, gab es keine Lösung. Als der Krieg ausbrach, schien dieser eine Art Lösung zu sein. Der Krieg konnte als verpflichtendes Schicksal begrüßt werden, in tiefem Einverständnis mit der Möglichkeit des eigenen Untergangs.

Widersprüchlichkeiten können fruchtbar werden, müssen es aber nicht. Reinhold Schneider zeichnete 1931 in seinem Tagebuch das folgende »Selbstportrait« auf: »Die Dynamik der meisten Menschen beruht auf der Gegensätzlichkeit ihrer Natur; in mir aber fallen sich die Widersprüche mit dem Grimm wilder Tiere an. Der grundlegende Konflikt, in dem zugleich die letzte Traurigkeit ihre Wurzeln hat, ist der zwischen dem Trieb zur ewigen Veränderung und dem Trieb zur Form und Gestaltung.«

Der heutige, puritanisch geglättete Mensch erkennt keine in der Natur liegenden Widersprüche mehr an. Er kennt nur noch Probleme der Lebensführung, die dann gelöst werden können und müssen. Das macht den Anblick von allem, was er tut (selbst dort, wo es etwas Gutes und Sinnvolles ist), so deprimierend. Die aufs Praktische gerichtete Gesinnung geht einher mit der Perfektion der Dummheit (analog zur Perfektion der Technik).

Die (in gewissem Sinne vom Christentum im ganzen, nicht allein von seinen puritanischen Formen beförderte) Abschaffung der Tragik (des tragischen Bewußtseins) ist soweit gediehen, daß selbst gebildetere Leute nicht mehr imstande sind, den Begriff des Tragischen zu definieren. »Tragisch« wird jetzt alles Mögliche genannt (z. B. bloße Unfälle), während die Existenz des Tragischen (des Unlösbaren), wo immer es real vorliegt, bestritten wird.

Ein solch Heutiger würde gewiß zu Edward Thomas sagen: »Na, dann hättest du eben nicht heiraten dürfen!« Aber wer entscheidet das? Er liebte ja seine Frau, auch wenn er sie nicht immer gut behandelte! »Ja, dann mußt du dich eben ins Unvermeidliche fügen und auch mal Abstriche beim Wandern machen!« Aber auch hier: Was ist der Sinn solcher Besserwisserei? Die Wandersehnsucht war eben zu stark!

Letztlich wäre alles Gerede, wäre alles Wegtherapieren der Widersprüche nur darauf hinausgelaufen, die Entstehung der 144 Gedichte zu verhindern, für die wir Edward Thomas am meisten lieben.

Ein Vers des Katholiken Konrad Weiß lautet: »Du kannst Natur nicht wandeln.« Damit war im Grunde die Rettung des Tragischen im Christentum unternommen. Man kann der Natur (auch der eigenen) nur zusehen, sie beobachten, kann ihr zuhören, sie belauschen und ihre Weisheit bedenken. »Überwinden« läßt sie sich so wenig wie der Satz vom Widerspruch, der sich allenfalls einem Widerspruch höheren Grades eingliedern läßt.

An alldies dachte ich auch angesichts der eigenen Erschöpfung, die beim Erwachen in der Nacht oft am tiefsten ist – wie mattgesetzt von einem schwarzen Flügelschlag tief im Inneren des Körpers. Es ist dies eine Empfindung oder besser gesagt Mißempfindung, die sich, sobald das Wachbewußtsein ihrer inne wird, sofort in völlige seelische Hoffnungslosigkeit »umzusetzen« pflegt. Auch hier stehen wir vor einer unauflösbaren Widersprüchlichkeit. Denn nicht nur halte ich dieses Phänomen für interessant genug, um von ihm zu berichten; sondern in gewisser Weise »genieße« ich sogar, mich ihm auszusetzen, obwohl es an diesem Horror rein gar nichts zu genießen gibt. Tatsächlich liegt mir nichts ferner als der Wunsch, die Stunde, in der diese spezifische Mißempfindung regelmäßig am stärksten auftritt (ganz verschwunden ist sie nie), zu verschlafen.

Im Gegenteil liebe ich es, früh schlafen zu gehen, um rechtzeitig zur »Geisterstunde« zu erwachen. Hat man dann bereits mehrere Stunden Schlaf hinter sich – ich habe den Vorteil, ein guter Schläfer zu sein –, ist die Freiheit eine ungeheure. Man kann »wählen«, ob man im Schutz der Dunkelheit bereits seinen Tag beginnen möchte, ob man noch mehrere Stunden weiterschlafen will – oder ob man es vorzieht, schlaflos in der Schwärze zu liegen (oder am Fenster stehend aus der Schwärze in die Schwärze zu blicken). Das Schlimme und das Wohltuende sind im Medium einer illusionslosen gedanklichen Klarheit, die zu dieser Stunde die größte ist und rein gar nichts von einem »Grübeln« hat, unauflöslich ineinander verschränkt. Das Geschenk dieser Nachtzeiten besteht, glaube ich, in der Fähigkeit, alles – und das heißt: auch die eigene mangelhafte Konstitution inklusive aller daraus folgenden Irrtümer, Fehlleistungen und Verstimmungen – mit sehr kaltem Blick als ein Exerzitium zu begreifen. Wohl deshalb auch meine Vorliebe für frühmorgendliche nicht Schwarm-, sondern Schwarzgeister wie Ignatius von Loyola und Paul Valéry.

Ich weiß nicht, ob es mir gelungen ist, aber ich hoffe, man merkt dem »Spalt der Metapolitik« an, daß er in seinen wichtigsten Teilen morgens ab drei Uhr entstanden ist!

Letzte Nacht nun war »Fensterstehen« und dann: Weiterschlafen. Draußen: bewölkter Himmel, keine Sterne, vollständige Schwärze. Kein Wind (was hier oben ziemlich selten ist), und das heißt: kein Rauschen in den Tannen, kein Knarzen der schweren Tannenäste, kein Rütteln an den Schindeln, kein Röhren oder Rattern auf dem Dachboden. Kein Auto auf der Dorfstraße, kein Auto auf der nahen Landstraße, auf der ganzen Welt kein Auto (hoffentlich). Kein Zeichen menschlichen Lebens (gut so), nicht hier und nicht in der Ferne. Nur, einige hundert Meter entfernt, das Rauschen des Horbachs, der immer nur dann so laut rauscht, wenn es in den Tagen zuvor ausreichend geregnet hat. Es ist ein helles Rauschen, viel heller als das übliche Rauschen des Windes in den Tannen. Nur Wasser und Gestein, glockenhell, ein Geräusch, als könntest du es einatmen.

Du atmest das Geräusch ein, und dir wird freier zumute; der schwere Flügelschlag des schwarzen Vogels wird leichter. Das Geräusch scheint ihn zu tragen, vielleicht gelingt sein Flug. Du wünschst es ihm, denn er ist nicht dein Feind. Blickst du nicht längst mit seinen Augen, so daß, wenn er sie schlösse, auch du erblinden würdest?