An einem Regentag notiert

7. Mai 2026 — »Die Politik der Weltlosigkeit« wird fertig. Ob noch im Mai? Man wird sehen. Man tut, was man kann.

Freilich verleitet gerade die Form des Essays dazu, vom Schreiben immer wieder ins bloße Lesen abzugleiten. Aber was heißt hier »bloß«? Lesend verinnerlichen und befestigen wir unsere Denkbilder.

In der Enge des in Regenwolken steckenden thüringischen Bergdorfs hockend, lese ich also Goethe, der am 22. September 1788, aus Italien in die Enge Weimars zurückgekehrt, an Herder schreibt: »Ich lebe sehr wunderlich. Sehr zusammengenommen, und harre auf Zeit und Stunde.« »Sein Betragen ist sehr sonderbar«, findet zur selben Zeit Herders Frau Caroline und kommt zu dem Schluß: »Für Weimar taugt er nicht mehr.«

Dann, gerade wieder um einen Halbsatz im Essay fortgefahren, worin Goethe eine sehr eigenartige, sehr bestimmende Rolle spielt (beinahe, scheint mir sogar, der Rolle von Vico in »Der Spalt der Metapolitik« entsprechend), unterbreche ich schon wieder und notiere ein paar noch nicht recht ausgeformte Gedichtverse, über die ich die Überschrift setze: DER UNTAUGLICHE.

Sehr unwahrscheinlich, denke ich sogleich, daß ein Gedicht, das so heißt, noch nicht existiert. Kurze Recherche ergibt denn auch: »Der Untaugliche« ist der Titel eines Gedichts des 1918 im Alter von 32 Jahren durch Verhungern gestorbenen Otfried Krzyzanowski. Er kam irgendwie abhanden, hatte nichts zu essen, und da er daran längst gewöhnt war, kam er (so stelle ich’s mir vor) gar nicht erst auf die Idee, irgendwen um Hilfe zu bitten. Als die Freunde sein Fehlen bemerkten, war er schon nicht mehr da. Das Gedicht »Der Untaugliche« jedenfalls ist sehr schön:

»Es liegt doch ein köstlicher Spott darin,
Sage ich es der Einsamkeit oder einem holden Mädchen?
Es ist doch ein eigentümlicher Hohn Gottes,
Daß ich lebe, wenn Tausende sterben.

Es ist doch ein köstliches Ausruhn,
Sage ich es der Einsamkeit oder einem holden Mädchen.
Ich danke es der ewigen Hoheit
Der Nacht, daß ich froh bin zu atmen.
«

Und bevor ich zum liegengebliebenen Halbsatz des Essays zurückkehren kann, muß ich Krzyzanowskis Gedicht neben den eigenen Gedichtentwurf schreiben und den Vorsatz fassen, es darin mitzubedenken, auch wenn es nicht um Krzyzanowski geht, sondern um Goethe, den Wunderlichen, und eigentlich, das ist klar, auch gar nicht um ihn, auch nicht um den Schreibenden selbst, sondern, wenn das Gedicht gelingt, um das wunderliche Leben all der Untauglichen, die keine Stimme haben, und denen, wenn sie sie hätten, nichts daran läge, sie zu gebrauchen, da sie, »aus Italien zurückgekehrt«, keinen Grund mehr haben, ihr Nebendraußenstehen zu verbergen.