Kekse

10. Mai 2026 — Wieder eingeschlafen, träumte ich, T. und S. kämen zu Besuch. Ich hatte ein schlechtes Gewissen, weil ich mich lange nicht bei ihnen gemeldet hatte; doch alle Sorgen waren unbegründet, das Wiedersehen war das herzlichste. Die Freunde hatten eine »junge Lyrikerin« dabei, die sie mir vorstellen wollten; sie hatte Gedichte von Edward Thomas übersetzt, und T. und S. waren der Ansicht, daß es wichtig für mich sein könnte, die Lyrikerin ihre Übersetzungen oder Nachdichtungen vortragen zu hören. Zu meinem Erstaunen war die Dichterin noch ein Kind, und zwar ein ziemlich dickes. Sie hatte einen Stoffbeutel dabei, in dem sich, wie ich annahm, ihre ausgedruckten oder handgeschriebenen Übersetzungen befanden.

Das Haus, in dem ich die Freunde empfing, befand sich, wie ich erst jetzt bemerkte, in grotesker Unordnung. Haufenweise Unrat hatte sich angesammelt, was mir sehr peinlich war. T., S. und die Dichterin schien es aber nicht zu stören: sie sahen gnädig darüber hinweg, ja taten so, als nähmen sie es gar nicht wahr. Ich wollte Kaffee zubereiten und stellte fest, daß alle Tassen kaputt waren; dann fand ich unversehrte, die aber schmutzig waren und erst gespült werden mußten. Alle Möbel hatten sich über Nacht in Schrott verwandelt, es gab auch keine Stühle, auf die wir uns hätten setzen können. Schön war nur die weit geöffnete Terrassentür, durch die der in goldenes Licht getauchte Garten hereinblickte.

Das Dichter-Kind war nicht besonders gesprächig und machte einen geradezu minderbemittelten Eindruck. Es war aber sehr freundlich und schien generell immer gute Laune zu haben. Wir warteten darauf, daß es anfangen würde, die Gedichte vorzulesen, was aber nicht geschah, und T. und S. signalisierten mir, daß es unangemessen wäre, eine direkte Aufforderung auszusprechen. Dann sah ich, daß sich in dem Stoffbeutel gar keine Zettel befanden, sondern Kekspackungen. Die junge Dichterin fing nun an, die Kekse zu essen – es war ein vergnügtes Mampfen –, und riß zu diesem Zweck eine Kekspackung nach den anderen auf, wobei sie die Plastikverpackungen jeweils einfach auf den Boden warf. Angesichts der eigenen Unordnung war ich außerstande, daran Anstoß zu nehmen, ja empfand dieses Verhalten sogar als einen besonders liebenswürdigen Zug.

Zum Gedichtvortrag kam es dann nicht. Stattdessen hatten T. und S. hinter meinem Rücken aufgeräumt; ich blickte plötzlich in saubere Zimmer – der ganze Unrat war verschwunden – und in zufrieden strahlende Gesichter. Ich suchte nach Worten des Dankes, fand aber keine; die Güte kam mir ganz unverdient vor. Als wir zur Verabschiedung im Garten standen, erkundigten sich T. und S. noch, ob ich nicht Lust hätte, mich auf einer bestimmten Kommunikationsplattform anzumelden, um wieder regelmäßigeren Kontakt zu haben. Ich gab zu bedenken, daß dieser Zug für mich bereits abgefahren sein könnte, versprach aber, bald zu Besuch zu kommen. Um mich zu locken, sagten T. und S., auch sie wohnten jetzt auf 750 m ü. NN. Und als hätte es kein zwischenzeitliches Erwachen gegeben, sah ich jetzt wieder die Ankunftsgegend des Weißdorntraums vor mir: Blöcke und Felsen mit Moos, Beerensträuchern, Tannen, Kiefern und Birken; und mich selbst von meinem Nachtlager mich erhebend, jetzt zusätzlich bereichert von dem Wissen, daß sich in dieser Gegend offenbar auch das Haus der Freunde befand.