Erfurt (#2)

Für Chr., mit frohem, dankbarem Gruß nach B.

17. April 2026 — In meiner Vorstellung wäre die ganze Stadt Erfurt, ja wäre das ganze Land Thüringen grauer und blasser, wenn nicht im Dom das goldstrahlende Bild der Einhornjagd aufgestellt wäre. Eine heilende Wirkung geht von ihm aus; es bestätigt die ungründige Ordnung der Welt. Man kommt vor ihm zur Ruhe, wie das vom Erzengel Gabriel und seinen Hunden gejagte Einhorn im Schoß Marias zur Ruhe kommt. Handelt es sich überhaupt um eine Jagdszene? Der blühende Garten, in dem wir uns befinden, ist umzäunt und verschlossen – wie konnten das Einhorn und sein Jäger in ihn eindringen? Sie wirken wie aus tiefem Schlaf aufgetaucht, in den sie, vom Gesang der Heiligen befriedet, wieder zurücksinken. Die Jagd ist verebbt. Stillgestellt, sobald sie den Garten erreicht hat. Hier kann nicht gejagt werden. Gabriel bläst in sein Horn, doch kein Geräusch ertönt; auch die Hunde, im Sprung sich wundernd, sind verstummt. Gabriel und die Hunde: Sie sind in der zum Frühling erwachten Wirklichkeit des Gartens zu Traumfiguren geworden. Sie machen noch die Gesten des Jagens und haben zugleich vergessen, was sie tun. Und da keine Jagd stattfindet, kann auch der kleine blumenschneidende Engel mit der Sichel in der Hand, am unteren Bildrand direkt hinter dem schön geflochtenen Zaun, von ihr nichts mitbekommen. Er bleibt froh und dankbar in sein Tun versunken, welches seine Form des Wissens um das Geschehen der Gnade ist.

Und dann befindet sich im Dom auch noch ein riesiger an die Wand gemalter, sehr starkbeiniger Christophorus: Vorbild aller Schwarzgängigen. Ist man vom Rennsteig aus durchs Schwarzatal und über Paulinzella gekommen, so erscheint es merkwürdig passend, daß der Fluß, durch den der Heilige watet, um auf seinen Schultern das Christkind hinüberzutragen, als schwarzer, von ungutem Getier bevölkerter Sumpf erscheint. Denn aus dem Zugfenster erblickt man unter umgestürzten Bäumen all die alten Furchen und Gräben, in denen die Zeit viel langsamer abläuft als in der aufgeräumten Umgebung: Eben erst ist der Dreißigjährige Krieg zuende gegangen. Ob es eine Zukunft gibt, erscheint ungewiß; sie ist wie ein verschlossener Mariengarten, der nur in Reichweite ist, ja den es nur gibt, wenn gegangen wird. Wir müssen also versuchen, uns rüstig zu halten. Und immer, wenn ich an die Beine des hl. Christophorus denke, denke ich zugleich an Andreas Hartknopf und seine Fußreise von Westfalen nach Erfurt.