Einholung des Raums (#3)

23. Juli 2026 — Nachmittags bei guter Fernsicht unter meerartig sich breitenden regenlosen Wolken zum Kirchberg gegangen. Auch dort, wohin täglich Leute fahren, um auf den Turm zu steigen und die Gaststätte zu besuchen, schien noch kaum jemand Blaubeeren gepflückt zu haben. Während des Pflückens immer wieder die Blicke nach Norden, durch Kiefern und dürre Ebereschen hindurch. Und dies ist nun die Gelegenheit, ihn, den Norden, endlich zu beschreiben. Erst damit verlassen wir die mutwillig in die Länge gezogene Anfangsphase dieses Blogs; erst mit dem nördlichen Panorama ist der ganze Raum eingeholt, der sich den die kleine Landschaftskammer »Neu-Deesbachs« umgebenden Wasserscheiden darbietet. Was also sehen wir?

Keineswegs blicken wir (wie man erwarten könnte) in eine freie nördliche Weite oder auf irgendein sich öffnendes Tal, sondern: eine verwirrende grün-gelb-grau-blaue Masse von Hängen und Hügeln, Wäldern und Wiesen, Nähen und Fernen erscheint und gibt erst langsam ihre Staffelung und Gliederung preis.

Die Täler sind weit unten, außer Sichtweite – sie sind so gut verborgen, daß der nördliche Rand der Hochfläche, auf der wir uns befinden (mit dem Örtchen Lichtenhain und der Bergstation der Standsteilbahn), als ein Talgrund erscheint. Wir kennen diesen Effekt bereits. Denn blickt man westlich an der Meuselbacher Kuppe vorbei auf Großbreitenbach und das obere Rinnetal, so erscheint auch dieses als der tiefste Talgrund, obwohl es sich eigentlich um ein Hochtal handelt, das viel höher liegt als das vorgelagerte, aber unsichtbar tief eingeschnittene Schwarzatal. Dieses, in dem die von der Eisenbahn bedienten Ortschaften Schwarzburg, Sitzendorf, Mellenbach und Katzhütte liegen, führt im Halbkreis um unsere Hochfläche herum.

Direkt gegenüber, parallel zu dem kleinen aus Himmelsleiter und Kirchberg gebildeten Kamm, auf dem wir stehen, zieht sich der Lange Berg, ein echtes Grenzgetüm, das die dahinter liegende Gegend um Ilmenau als völlig abgetrennte erscheinen läßt. Es wirkt, als könnte man direkt von der Hochfläche auf den Langen Berg gehen; als existierte die Schlucht der Schwarza nicht. Um sich in diesem Landschaftsbild zurechtzufinden, bedarf es auch einiger Gewöhnung daran, daß wir hier noch nicht nach Norden, sondern nach Nordwesten blicken, da beide Kämme sich in variskischer Richtung von Südwest nach Nordost erstrecken – womit die ganze Landschaft, eingedenk der herzynischen Richtung des eigentlichen Thüringer Waldes, das Gepräge einer gegenstrebigen Fügung gewinnt. (Daß der Lange Berg, wie früher bereits angemerkt, auf mich so norddeutsch wirkt, liegt übrigens vielleicht nur daran, daß das hell leuchtende Fürst-Karl-Günther-Denkmal auf ähnliche Weise vom Kamm grüßt wie die Schaumburg vom Kamm des Wesergebirges.)

Das südwestliche Ausmünden des Langen Berges wird verdeckt von der vorgelagerten Meuselbacher Kuppe. Links an ihr vorbei blicken wir knapp in das »westliche Fenster« hinein. Auch hier grüßt übrigens immerzu etwas Helles, murmelartig auf der Höhe Liegendes: Es sind die weißen, an die Segel einer Hafenbucht erinnernden Dächer der Rehaklinik Masserberg. Heute aber, Nordtag!, sucht unser Blick das andere Ende des Langen Berges auf, wo, hinter dessen nordöstlichem Ausmünden, in von unserem Standort aus gesehen noch immer nicht nördlicher, sondern nordnordwestlicher Richtung, der nicht hohe, aber weithin dominante Singener Berg erscheint, hinter welchem, für uns unsichtbar, die Ilm fließt, um bald die Sieben-Wunder-Stadt Stadtilm zu erreichen.

Unwillkürlich sucht der Blick das schöne Waldgebiet, in dem Paulinzella mit seiner Klosterruine liegt und der aus Saalfeld kommende Zug die Saale-Ilm-Wasserscheide überquert, um Stadtilm, Arnstadt und Erfurt zu erreichen. Allein wir finden es nicht, da es zu weit unten liegt. Anstelle der Talschneisen erscheinen nur die langgezogenen Ausläufer des Thüringer Waldes auf der einen und der Block der Ilm-Saale-Platte auf der anderen Seite. Sie scheinen sich ineinander zu schieben, als gäbe es zwischen ihnen keine Senke. Und die Ilm-Saale-Platte mit den vielen Ortschaften darin, dem breiten Tal der sich schlängelnden Ilm, den unbewaldeten Muschelkalkhängen – von hier oben betrachtet ist sie ein durchgängig bewaldetes, beinahe strukturloses Meer; die paar Höhenlinien, die sich in ihrem Inneren abzeichnen, erscheinen gleichgültig wie Wellen auf einem See, aus denen nichts abzulesen ist. Dahinter, freilich unsichtbar, aber als Ort des Andenkens Teil des Bildes: Weimar! Und dann noch: statt eines Ausfließens des Bildes ins Leere eine ferne Höhenlinie, vor der sich manchmal weiß leuchtend der Nebel, der das Thüringer Becken anzufüllen liebt, abzeichnet.

Daß diese Höhenlinie gleichsam wie in einem – jetzt allerdings fernen – Fenster erscheint, liegt in einer weiteren Merkwürdigkeit begründet. Hinter dem Singener Berg streckt sich, wiederum parallel zu unserem Höhenzug und zum Langen Berg, ein noch längerer »Langer Berg«, den man, wenn man die Karte betrachtet, kaum »auf dem Schirm hat« (wie die Heutigen sagen). Die steile Abbruchkante verrät, worum es sich handelt: Es ist der Kalksteinzug der Reinsberge zwischen Ilmenau und Arnstadt, die allerdings in fast schon direkt süd-nördlicher Richtung verlaufen, so daß man sich fragt, wie dieser Höhenzug hinter dem Singener Berg als weitere Blicksperre so weit nach rechts ragen kann. Es bleibt verwirrend; schwierig, das, was die Karte zeigt, auf das Gesehene zu übertragen. Jedenfalls: die nordwestliche Flucht des Thüringer Waldes, die Ohrdrufer Platte, das Ausmünden ins Thüringer Becken – dies alles bleibt auf herrliche Weise unsicht- und doch ahnbar. Die Größe des Nordens erscheint ungeheuer und doch noch weit entfernt, von dieser südlich eingelagerten Kammer aus gesehen, in der wir uns wie in einer Glaskugel befinden.

Was aber ist die genannte fernste Linie, was kann sie nur sein? Ist es die dem Harz vorgelagerte Hainleite? Nein, die Reinsberge ragen zu weit ins Bild! Es können nur Schrecke und Finne nördlich von Weimar sein; sie grenzen das Thüringer Becken gegen den Unterlauf der Unstrut ab, und dahinter liegt wieder eine der Platten: die Querfurter, bereits mit Halle an der Saale am (für uns unsichtbaren) Horizont.

Die Träumerei, in die man beim Anblick dieses Spiels der Erde gerät, verleitete mich dazu, das ins Weiße gleitende Hellblau der fernsten Linie im Farbton eines Tieres wiederzuerkennen, als blickte man auch durch den Tierkörper hindurch in das Innere der Erde. Sonst nicht unbedingt ein Spinnenfreund, finde ich die kleine, längliche »Heidelbeerwächterspinne«, die überall im Kraut ihre Netze hat, ausgesprochen niedlich; wenn Sonnenstrahlen sie treffen, wird ihr Körper nahezu durchsichtig, und man wünscht sich, ebenso durchsichtig zu werden, als wäre, sogenannter Mensch zu sein, bereits ein Raub am Zauber des Bildes.