Traumnahrung

Juli 2026 — Viel draußen, um Blaubeeren und mich selbst zu sammeln. Beeren gibt es in rauhen Mengen, mich dagegen – was nichts macht, denn es ist Sommer – nur spärlich. Langsam und geheimnisvoll ziehen die Bilder des Sommers durchs Land und sind zu schön, um nur Kulisse des Eigenen und seiner Erlebnisse zu sein. Warum nicht das Umgekehrte versuchen? Selbst zur Kulisse des Sommers zu werden: Ist dies nicht eine schöne Idee von »Selbsttransformation«? An Ort und Stelle bleiben, nur dies. Eine Schwalbe über ihrem Feld, eine Eidechse auf ihrem Stein, eine Ringelnatter in ihrem Teich …

Aber wäre nicht auch dies ein »Erlebnis«? Diesem Spiel entrinnst du nicht.

Ist überhaupt schon einmal ein Sommer beschrieben, ich meine: wirklich beschrieben worden? Man müßte dafür, meine ich, eine gewisse Wortkargheit erlangen. Aber sie zu erlangen, ist schwierig. Es bedarf guter Ernährung und einer Unversöhnlichkeit gegenüber dem Falschen, die nicht viel Aufhebens von sich macht. Es bedarf winterlicher Tugenden, die der Leichtigkeit des Sommers widersprechen.

Und ach, das Eigene! Blasse Fragmente, die leicht zu übersehen sind oder bewußt an Ort und Stelle gelassen werden, als hätten sie dort noch etwas zu beschicken. Oder Erinnerungen nur, unbrauchbar und abgelebt, über die noch kein Heidelbeerkraut gewachsen ist, und deren Anblick in Verlegenheit setzt: Was hatte es damit doch gleich auf sich? Unnötig, es alles aufzulesen, es bedeutet nichts. In der Butterbrotdose ist nur Platz für Beeren.

Sonnenschein und Schatten der Erde aber beglücken. Der heiße Wind trägt aus den großen, so langsam sich verschiebenden Bildern immer neue Kleinbilder heran, die wieder entgleiten wie die Ringelnattern im Waldbad Bernhardsthal (dem Quellteich der Steinach). Träume ragen in das Atemwasser wie eine Vorzeit, die kein Anfangen zuläßt. Und »ich« – wer oder was soll das sein? – entstehe erst – ein Kindergedanke –, indem ich möglichst viele Beeren esse: Traumnahrung.

Oder liegt es nicht an den Beeren, sondern an den Sternen, daß die Sommernächte in diesem Jahr so traumreich sind?

Bis die Vorzeit endet, existiert nur dieses Gespenst mit rotblau verschmierten Händen, das, mundfaul, schwer zu Worten findet und sich für nichts als Beeren und die Wege dorthin interessiert. Als existierte sonst keine Welt, in der man vorkommen könnte. Als gäbe es keine Neuigkeiten, die zu berichten geschweige denn zu kommentieren sich lohnte. Samstags aber, während du irgendwo im vertrockneten Gras bei den Himbeeren stehst, ertönen in der Ferne die Zwölf-Uhr-Sirenen.

Was ich nur sagen will: Es ist ein großes Beerenjahr! Der ganze Blaubeerenteppich im Wald steckt voller Früchte, dazwischen treten die Glücksfälle vereinzelter Preiselbeeren auf, und überall in den hellen Schneisen leuchten Himbeeren aus ihren Duftwolken hervor, und auch die Brombeeren werden vereinzelt bereits schwarz.