Ante portas (#3)

17. Juni 2026 — Vom Nordhang der Hettstädt, den der flache, breite Sattel des »westlichen Fensters« mit dem Südhang der Himmelsleiter verbindet, überblickt man die ganze kleine Landschaftskammer, in deren ziemlicher Mitte sich das Haus befindet. Im Osten liegt der andere, der Sattel zwischen Himmelsleiter und Schanze, über den die Wohnstraße hinab ins Dorf führt. Über diesen Sattel hinweg blicken wir in das »nordöstliche Fenster« mit der Ziptannskuppe im Hintergrund. Da wir uns auf einer Hochfläche befinden, welche von den Kuppen der Berge nur um wenige Meter überragt wird, könnte man sich in einer tiefer gelegenen, von sanften Hügeln durchzogenen Gegend wie dem Leinebergland wähnen – indes die großen, unbewaldeten Bergwiesen mit dem leuchtturmweiß strahlenden Fröbelturm darüber eher an Südengland oder Wales denken lassen (ein in Deutschland sehr seltener Effekt).

Eine Küstenlandschaft ohne Küste – woher kommt die Ahnung des Meeres, das hier, an der Grenze zu Franken, so weit entfernt ist wie kaum irgendwo sonst? Der große Norden selbst ist dieses Meer, als dessen erste, ausgetrocknete Bucht, wenn man vom Main her über den Rennsteig kommt, das Thüringer Becken erscheint. Seitlich an der Himmelsleiter vorbei, über Cursdorf, Oberweißbach und das Schwarzatal hinweg, erhaschen wir einen Zipfel dieses großen Nordens und sind zugleich noch ganz weit weg von ihm, wohlverborgen hinter einem irrgartenhaft verzweigten System von Höhenzügen.

Je länger man hier wohnt, desto näher fühlt man sich dem Himmel. Denn dieses Südengland oder Wales ist, von tiefen Waldschluchten umgeben, dem Grundstock des Gebirges aufgepflanzt, so wie man auf ein Buchregal noch einen Aufsatz schraubt, um die gesamte Raumhöhe auszunutzen. Die Erde formt ein über den Grat der Alten Poststraße mit dem Kamm des Rennsteigs verbundenes Tablett, auf dem es stille Tage gibt, an denen das Aufgehen und das Untergehen der Sonne und des Mondes nicht nur ungeheure, sondern auch die einzigen Ereignisse sind. Müßte ich mich entscheiden, welches dieser vier Phänomene – das Aufgehen oder das Untergehen entweder der Sonne oder Mondes – in der Regel das schönste ist, so würde ich sagen: Es ist das Untergehen des Mondes, wenn es schon wieder hell wird und die wie durch ein Vergrößerungsglas erscheinende Scheibe oder Sichel, von blassem Rosa und hellem Blau umgeben, hinter den lindgrünen Matten und Ebereschen am Hang der Himmelsleiter versinkt.

Hinsichtlich der Farben erscheint mir noch aufschreibenswert, daß ich gestern Abend sehr früh schlafen ging und um zehn Uhr vom Geräusch eines starken Regenschauers geweckt wurde. Nach fünf Minuten hörte es wieder auf, und was folgte, war eine magische blaue halbe Stunde, in der das Nachsonnenuntergangsblau so intensiv war, daß es eine eigene Lichtquelle zu sein schien. Die Äste der Tanne vorm Fenster sahen aus, als hätte es geschneit; ich mußte mehrmals hinsehen, um mich zu vergewissern, daß kein Schnee auf den Ästen lag. Schnee? Draußen ging ein unerhört warmer Wind, und was das Bild der winterlich eingefrorenen Tanne hervorrief, war in Wahrheit das Angeleuchtetwerden der hellgrünen jungen Tannenspitzen von der wie jenseitigen Laterne des sagenhaft tiefen Blau. Der Gedanke, den Fotoapparat zu holen, wurde gleich wieder verworfen; es war ein Ereignis in der nichtfotografierbaren Welt, und kein Versuch, es abzufotografieren, hätte Aussicht auf Erfolg gehabt. Und während es von den Tannen tropfte, durch die der leichte Wind rauschte, um sich mit dem entfernteren hellen Rauschen des Horbachs in seinem Graben zu vermischen, hallten die Melodien der Vögel aus der Mulde und dem Tal herauf: nicht als Konzert, sondern vereinzelte, sehr kräftige Stimmen, jede für sich, jeder dieser Sänger ganz alleine in seinem Abend und voller Vorfreude auf die noch einsamere Nacht.

Föhnige Wolken über, na ja, Südengland
Die hellgrünen Tannenspitzen bei Tag