15. Juni 2026 — Ich sagte es bereits: Zu sehen gibt es hier nichts. Aber nicht nur Zecken, Bremsen und Hirschlausfliegen bewohnen den Hettstädt, sondern auch sehr viel Wild. Den, der: Ich benutze nun erstmals die korrekte männliche Form. Bisher sagte ich immer »die«: die Hettstädt. Ich glaube, das liegt daran, daß man diese unscheinbare Kuppe – mit 808 m immerhin der höchste Punkt im Landkreis Saalfeld-Rudolstadt – gar nicht als einen Berg empfindet, sondern nur als Gebiet, als Fläche, so wie man sagt: die Senne.
Menschen bin ich hier noch nie begegnet, nicht einem. Der Hettstädt ist kein Ausflugs-, nicht einmal ein Wanderziel; kein Wegweiser trägt seinen Namen. Ein paar alte Wegweiser stehen noch, aber ihre Inschriften sind längst nicht nur verblaßt, sondern gelöscht. Der »Gipfel« aber ist für jene, die ihn gefunden haben, als solcher ausgewiesen; heute fand ich das Schild, das am Stamm einer Fichte angebracht war, am Boden liegend und stellte es wieder aufrecht. Gelegentlich müssen Waldarbeiter, gewiß auch Jäger zugange sein; man erkennt es an den Spuren, die sie hinterlassen. Aber auf jeden Hochsitz, der neu errichtet wird, kommen fünf schon lange nicht mehr gebrauchte oder bereits morsch zusammengestürzte. Die nur mäßig steilen Berghänge sind jetzt gerodet; nur im oberen Bereich des steht noch der alte, merkwürdig unansehnliche, erkennbar nur »Forstzwecken« dienende Wald.
Der Boden ist grasbewachsen und sumpfig; hier versickern sie, die namenlosen Wasser, die etwas weiter unten aus den Wiesen wieder hervorquellen und sich im Horbach sammeln. Die wenigen seit langem vernachlässigten Wege führen dort entlang, wo das Gelände steiniger ist; jetzt im Juni sind diese Wege von den winzigen Sternchen weißer, gelber und violetter Blüten übersät. Die Blicke ins Sumpfigere sind durchweg finster: Köppelsblek-Atmosphäre! Man würde sich nicht wundern, auf ausgeweidete Menschenleichen zu stoßen, aber wie wir wissen, werden Honzo und Bitchie dies in naher Zukunft mitten in den Dörfern erledigen; es braucht dazu kein »Hettstädt« mehr. Im Winter aber wird Ski gefahren! Ein System von Loipen überzieht dann die Hochfläche, und auch der Hettstädt kann auf Skiern umrundet oder gar überquert werden.
Heute ging ein kühler, duftender Wind über die Hettstädt – ich kehre nun doch zur weiblichen Form zurück –, aber immer wieder lief man durch schwüle Blasen, in denen sich bereits die kommende Sommerwärme ankündigte. Herrlich: die flächigen, mittelgrauen, keinerlei Regen enthaltenden Altostratuswolken mit den föhnig durchklärten Fernen darunter. Die alten Wegweiser mit den gelöschten Inschriften schienen den Himmel zu meinen und zugleich in ihm wiederzukehren: auch er ein Wegweiser ohne Inschrift.
Um ein Päckchen in die Packstation zu stellen, ging ich nach Neuhaus und zurück; um 17 Uhr verließ ich das Haus, ging ohne Eile und war um 21 Uhr wieder daheim. Einkaufen tat ich nichts, froh, nichts zu benötigen und mit leerem Rucksack gehen zu können. Du willst nichts von der Welt und sie nichts von dir: dies ist zweifellos die schönste Stimmung, um die Hettstädt zu überqueren.

