Ende Juni 2026 — Den echten, den gelingenden Sommer erkennen wir an seiner Geräumigkeit: am schönen Sich-Ausdehnen der Zeit. Die Zeit des sich breitenden Sommers ist von geheimnisvoller Länge. Oder um es mit einem Satz mit »und« zu sagen: Es sommert ein, und die Zeit ist lang. Bedenke, Leser, die Wahrheit dieses »und«! Vergänglichkeit ist nirgends zu entdecken, sie ist, wenn der Knabe Aion die Figuren führt, nicht länger Teil des Spiels. Überall ist Sieg. Wohin du auch blickst, steht das Jahr noch vor alleden kleinen Schwellen, deren Gesamtheit wir »Sommer« nennen, und jede dieser köstlichen Fristen, die, selbst wenn sie dann ablaufen, in neue Fristen einmünden, bringt Zeit hervor, unermeßlich viel, du kannst sie nicht ausschöpfen. Der kleine Fluß unserer Lebenszeit erklärt nicht den von unterirdischen Quellen gespeisten See, an dessen Ufer wir mit großem Behagen weilen.
Noch, ja, noch ging nicht der Ruck des Verstummens (= Mauser) durch die Vogelwelt, welche klingt und sich zeigt, als wäre eben erst der Winter vorbei gegangen.
Noch, ja, noch ist nicht fühlbar, daß die Tage jetzt wieder kürzer werden. Noch »gute Weile« wirst du die Nacht kaum zu Gesicht bekommen.
Du wirst noch viel zu mähen zu haben, doch irgendeine Blüte, die es zu schonen gilt, ist immer da (jetzt beginnt die des Johanniskrauts).
»Schon lange« ist es her, daß die Fenster der Kälte wegen meistens geschlossen bleiben mußten; jetzt geht, wie »immer schon«, der schöne, warme, duftende Wind durch die Räume, und »noch lange nicht« wirst du im Haus lange Hosen und Socken tragen.
Im Wald werden jetzt die Heidelbeeren reif – es ist ein üppiges Heidelbeerjahr –, und es wird dauern, bis sie an ihren Sträuchern vertrocknen (so viele Menschen, wie nötig wären, um sie alle zu ernten, gibt es gar nicht, oder sie kommen jedenfalls, stets zu wichtigeren Zielen unterwegs, nicht in den Thüringer Wald).
Allerorten ist das Grün noch das helle, frische, zukunftversprechende, und Blüten in allen Farben durchwirken es.
Die Grillen zirpen erst ganz vereinzelt. Bis aus diesen Proben das allabendliche, bis in den Herbst fortdauernde Konzert wird, quillt noch viel Wasser aus den Fluren.
Die Schwebfliegen und Holzwespen fangen erst an, in der Weißtanne zu sausen. Jetzt ist das Geräusch noch eine ungeheure Neuigkeit, wie ein unerwartet eingetroffener Brief.
Noch kaum schießen Weidenröschen empor; auf den gerodeten Flächen entlang der Alten Poststraße herrscht jetzt der Fingerhut, den sie erst im Juli ablösen werden.
»Und« so weiter!
Nie vergißt du diese Fristen, in die die Frist deines Lebens eingesenkt ist, »und« du entdeckst immer noch neue »und« übst dieses Entdecken und Nicht-Vergessen als eine, deine Lebenskunst.
Wir sind Sterbliche, aber Zeitliche auch. Sterbliche und Zeitliche. Die Zeit ist nicht nur die hängende, reißende, stehlende, sondern auch die tragende, hegende, schenkende.
Wer mich nun sähe, wie ich, mir »Zeit lassend«, in der Junihitze über die Alte Poststraße nach Neuhaus am Rennweg und zurück gehe, müßte denken: »Der muß ja Zeit haben!« Aber ich habe sie gar nicht, im Grunde lasse ich sie mir auch nicht, sondern ich gewinne sie erst. Ich gehe, um Zeit zu gewinnen. Die Hitze ist hier oben übrigens moderat; es ist noch immer die alte »Sommerfrische« (in Neuhaus wurden noch nie mehr als 33,6 Grad gemessen).
Es ist wie Wandern. Aber ich mache nur Besorgungen und bringe zum Beispiel Päckchen in die Packstation. Die Alte Poststraße ist der gute Weg, der mir dies zu tun erlaubt. Ich lobe ihn, so wie Autofahrer die gute Fahrstraße loben müßten, die Parallel zu meinem Gratweg kurvenreich und mit einigem Hoch und Runter dort entlang führt, wo der breite Grat oder Bergrücken zum steileren Hang wird. Ich lobe auch meine trotz bedenklichem Verschleiß noch immer nicht auseinandergefallenen REEBOK-Turnschuhe aus schwarzem Leder (bessere Sommerwanderschuhe habe ich nie gefunden). Vor allem aber lobe ich meine beiden Rucksäcke (der eine vom ALDI, der andere von der Marke THULE) und meine Sammlung von IKEA- und MIGROS-Tragetaschen, in denen sich Pakete der meisten Größen mehr oder weniger bequem transportieren lassen.
Indem ich mich also dem Zeitmaß der Strecke überlasse und diese vier bis fünf Stunden, die es inklusive der Besorgungen in der kleinen Stadt auf dem Berge meistens braucht, als schlichte Gegebenheit, mit der jederzeit zu »rechnen« ist, annehme, verwandle ich die Zeit in meinen Besitz. Es ist ein schöner Besitz, ich freue mich über ihn, so wie andere sich über den Besitz ihres Autos freuen. Es ist, als wäre nur deshalb Sommer geworden, weil ich mir diesen Besitz erworben habe.
Käme nun der neidische Teufel, um mir diesen Besitz zu rauben, so würde er vielleicht mit dem Auto vorfahren und sagen: »Merkst du nicht, wieviel Zeit und Kraft dein ständiges Herumlaufen auf der Alten Poststraße dich kostet? Wie dieser unnötige Aufwand dein Leben verlangsamt? Zum eigentlich Wichtigen kommst du kaum! Alle fragen sich längst: Wo steckt er denn? Und je mehr du auf den Beinen bist, desto mehr Schlaf brauchst du, mußt zusehen, daß du dich gesund und kräftigend ernährst, verträgst außer Kaffee keinerlei Rauschmittel mehr, wirst ungesprächiger. Merkst du nicht, wie deine angespannte Nüchternheit dich von den Menschen entfremdet? Dein Leben mit Stummheit umgürtet? Dieses Auto soll dir gehören! Ab sofort wirst du auf der Alten Poststraße nur noch dann unterwegs sein, wenn du es unbedingt möchtest, zum Genuß. Und dein eigentlicher Genuß werden fernere und schönere Ziele; endlich wirst du wandern und nicht bloß deine ewigen ›Besorgungen‹ machen. Hattest du nicht angekündigt, dein Blog werde ein Wanderbuch sein? Na also, ergreife die Chance!«


