Ante portas (#4)

21. Juni 2026 — Gelegentlich ist im Haus ein leises, aber durchdringendes Brummen zu vernehmen. Kommt es von draußen? Ich öffne das Fenster und höre nichts. Ich schließe das Fenster und höre das Brummen. Ich gehe durchs Haus und stelle fest, daß es keine Möglichkeit gibt, dem Geräusch irgendwie näherzukommen; es gibt keinen Bereich, in dem es lauter oder leiser wird. Geht es mit einem Vibrieren einher? Es scheint so zu sein (»fühlt sich so an«), ist aber nicht direkt wahrnehmbar. Vielleicht ist es so, daß man das Geräusch des Brummens automatisch mit einem Vibrieren in Verbindung bringt. Alle technischen Ursachen des Phänomens konnten nach und nach ausgeschlossen werden. Am ehesten käme wohl der alte, tatsächlich ein wenig dröhnende, bereits wie ein Museumsgegenstand wirkende, indes bestandsgeschützte Stromzähler infrage, aber der ist es nicht. Oft gerät das Brummen auch wieder in Vergessenheit; es gibt lange Perioden, in denen es gar nicht auftritt. Umso überraschender ist, wenn es dann wieder mit Entschlossenheit erklingt und auf seinem offenbar naturgegebenen Recht, vorhanden zu sein, besteht.

Ich glaube, herausgefunden zu haben, daß das Geräusch immer dann auftritt, wenn es größeren Niederschlag in Form von andauerndem Landregen oder kräftigen Schauern gegeben hat. Stimmt diese Annahme (sie mag falsch sein), so handelt es sich bei dem Brummen um einen aus dem Erdreich empordringenden, sich auf die Wände des Hauses übertragenden, in der Regel wenige Tage lang anhaltenden, dann wieder verebbenden Nachhall des Regens. Die geologische Eigenart der Gegend und der Standort des Hauses direkt auf dem Schiefergestein bestärken mich in dieser Theorie (die trotzdem Unsinn sein mag). Der Geologe spricht hinsichtlich des Thüringer Schiefergebirges von einer »Regionalmetamorphose«, in deren Verlauf die in diesem Gebiet fenstergleich aufgeschlossenen Gesteine des Erdaltertums »kompaktiert« wurden und ihr Wasserspeichervermögen verloren. Es gibt deshalb im Schiefergebirge nur wenige »richtige« Quellen; vorherrschend sind die oberflächlichen Sickerquellen und Quellfluren mit – wieder ein Wort des Geologen – »diffusem« Einzugsgebiet. Eine Ausnahme ist die Quelle der Schwarza. Sie tritt auf einer Höhe von 717 m ü. NN aus einem Bruchspalt hervor, der so tief ist, daß es ganzjährig bei einer Wassertemperatur von 6 Grad bleibt.

Jedes im Garten gegrabene Pflanzloch führt die Eigenart des Schiefergebirges im Kleinmaßstab vor: Zwar porös und brüchig, lagert das Gestein in mit zunehmender Tiefe immer mächtigeren und dichter gepressten Platten, zwischen denen (stelle ich mir vor) das versickernde Wasser hindurchgepreßt wird wie durch Düsen. So eben entsteht es, das Vibrieren der ganzen Gesteinskathedrale, das sich in den darauf errichteten Häusern als Brummgeräusch kundgibt. So muß es sein, nicht wahr? In seiner Wasserundurchlässigkeit ist der Schiefer das genaue Gegenteil des von wasserleitenden Klüften reich durchzogenen Basalts wie auch des Muschelkalks mit seinen Hohlräumen und Karstquellen. Und Wasser, das abfließen und sich seine Wege suchen muß, gibt es im Schiefergebirge viel, da seine Höhenlagen aufgrund der kondensierenden Steigungswinde zu den niederschlagsreichsten Gegenden weit und breit gehören. Indes wird überall dort, wo die Hänge nicht steil sind, weil man sich ganz oben auf der Hochfläche befindet, das Wasser zunächst eher »geräuschvoll« versickern, bevor es an anderer Stelle – die Wege des Wassers sind unergründlich, eben »diffus« – wieder hervortritt. Das kann in der Nähe sein, aber auch ganz woanders. Der relativen Quellarmut des Schiefergebirges entspricht der durch Bohrungen noch gesteigerte Quellreichtum der näheren und weiteren Umgebung. Das Gebirge verschenkt seine Wasser wie ein über Quellen errichteter Dom. Das ganze Land ist Quellheiligtum; zurecht spricht man diesbezüglich heutzutage von einem schützenswerten »Wassererbe« Thüringens.

Es ist schön, dies alles zu imaginieren. Imagination ist das halbe Leben. Keine Erfahrung ohne Imagination. Das zur Wasserwirtschaft des Gebirgskörpers gehörende Wetter aber ist ein Thema für sich. Man kann ihm im Schiefergebirge nie vollständig trauen. Im Winterhalbjahr ist es oft so, daß man, darauf wartend, aus dem Haus zu können, einen Blick auf den Wetterradar wirft und feststellt: es müßte längst zu regnen oder zu schneien aufgehört haben! Hat es aber nicht. Das Hochplateu steckt in einer unerfaßten Wolke oder in einem wie unabbildbaren Nebel fest, und es regnet oder schneit einfach »unabsehbar« weiter. Im Sommerhalbjahr aber neigt das Wetter zu spontanen Entwicklungen. In der Wettervorschau in Erfahrung bringen zu wollen, ob sich Gewitter nähern, ist oftmals nutzlos, da die Gewitter von jetzt auf gleich zu entstehen pflegen; allenfalls ein Dunst zeigt ihre Möglichkeit an. Das Schiefergebirge ist nicht nur Wasserspender, sondern auch Wetterherd. Und ein schöner Regelfall ist, daß die Gewitter, kaum sind sie entstanden, sehr schnell fortziehen und erst im Fortziehen sich verstärken und zu Unwettern werden. Das Gebirge sendet Gewitterwolken ins Land, als wären es Brieftauben. Und während, je nach Windrichtung, in Weimar, Plauen oder Kulmbach die Welt untergeht, wäscht die Hochfläche ihre Hände in Unschuld, und die Schwalben kreisen hoch im goldenen Abend und die Fledermäuse segeln durch das stille Wetterleuchten der Nacht.