Erfurt

27. August 2025 — Der Petersberg in gleißender Hitze. Früher mit seinem begrasten Hang und den alten Bäumen ein Ruhepol in der Stadt und eine Erholung für die Augen an hellen Sommertagen, ist der Hang jetzt größtenteils mit hellem Kalkstein gepflastert, und die Bäume sind gefällt. Die Passanten huschen daran vorüber wie beraubt. Wieder eine kleine Zerstörung mehr. Oben ists immer noch imposant, aber jetzt eben »hergerichtet« – wozu? Gerade das riesenhafte unsanierte Hereinragen düsterer Vergangenheit in die Gegenwart war ja das Schöne gewesen …

Alte Poststraße

26. August 2025 — Der Waldweg von Deesbach nach Neuhaus heißt »Alte Poststraße«. Das erinnert an die Zeit – genauer: an alle Zeiten vor unserer –, als die Transportwege über die Höhen verliefen, weil die Täler zu waldig und sumpfig waren. Wer durch Deutschland wandert und die Karten studiert, wird deshalb immer wieder auf sogenannte »Hohe Straßen« stoßen. Sie sind ein Namensregelfall, wie es in Thüringen die »Langen Berge« sind. Bekanntere, sehr schöne Hohe Straßen ziehen sich von Frankfurt am Main und Bad Wimpfen am Neckar jeweils ostwärts. Die Erinnerung daran, bereits abgespalten, wie aus dem Leben einer anderen Person, ist in die Jahreszeiten getaucht: die kargen, kalten hessischen Spätwinter der Jahre 2010 bis 2013; die durch den allesdurchdringenden Blütenduft wie in eine Traumwelt gehobenen warmen, windigen südwestdeutschen Tage und Nächte im Frühsommer 2016.

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Juli-Mut

Juli 2025 — Der Juli-Mut der Weidenröschen, die plötzlich überall lila auf ihren langen Stängeln blühen – wo sind sie so schnell hergekommen? Der jetzt verblühte Fingerhut hat ihnen die Fackel übergeben. Wo immer gerodet wird, sind bald die Weidenröschen da und ragen zwischen den alten Baumstümpfen und den jungen Birken und Tannen als kühne Lanzen aus den gleichfalls schnell emporgewachsenen Gräsern. Brachflächen gibt es hier nicht, und sobald all das Heranwachsende die ersten Schatten wirft, schließt auch der Blaubeerteppich sich wieder über der zerfurchten Erde zu.

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Stilkunde vor Rauchsäulen

Juli 2025 — Am 2. Juli, dem letzten der Hitzetage, nahm ich den Bus von Saalfeld nach Neuhaus. Die gewohnte Heimfahrt über die Saalfelder Höhe. Zuvor Bibliotheksbesuch in Leipzig und, da es noch früh war, Gang im Saaletal. Überall – auf den Straßen, in der Bahn – die Beobachtung einer nachlassenden Spannung, die die Leute sonst in Schach hält. Bei 36 Grad Celsius wird vieles, was sonst scheints gilt, egal.

Das ist es zwar sowieso. Worum handelt sichs überhaupt? Aber die hohe Lufttemperatur scheint auch der Mehrheit der Passanten die Möglichkeit dieser normalen Empfindung, dieses Realismus einer bloßen Traumwelt zu eröffnen. Ähnlich ist es bei Schnee. Irgendein Druck löst sich auf, die Natur selbst verordnet Urlaub, alles hat Zeit und darf aufgeschoben werden. Aber im Sommer, wenn nach klaren Tagen mit hoher Bläue dann Graues, Diesiges in die nicht nachgeben wollende Hitze sickert, tritt noch – auch dies ein Aspekt des Schönen – eine unbestimmte Katastrophenerwartung hinzu, als könnte jederzeit alles passieren.

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Thüringen-Tage

Anfang Juli 2025 — Um den Monatswechsel in der schönen, kräftigen, beinahe unwirklichen Hitze verschiedene Autofahrten mit D. durch Thüringen. Immer dabei: der feine, kluge Langhaardackel B. (Namen von Freunden kürze ich ab, um ihnen nicht das Gefühl zu geben, »verwertet« zu werden, und um mir selbst nicht als literatenhafter »Verwerter« vorzukommen; — wenn ich aber auf Menschen diese Rücksicht nehme, haben es nicht auch die edlen Tiere verdient?) …

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Einholung des Raums (#2)

28. Juni 2025 — Jetzt beginnt der Vollsommer; schon am frühen Morgen große Hitze, erschlagend und stärkend (beides zugleich). Hinaus, um für ein paar Tage D. in Rudolstadt zu besuchen. Nichts Schöneres, als im »Fremdlings-Reisetritt« von zu Hause loszugehen, in kräftigem, nach Wald und Blumen duftendem Wind. Alles ist in tiefe Bläue getaucht, bei vollkommener Klarheit wie selten; kein Rest von Dunst in der Luft. Hinüber ins Nachbardorf Cursdorf, wo die Bergbahn fährt, und das heißt nun: die Wasserscheide zwischen Horbach und Weißer Schwarza überquerend. Haben wir vorgestern das südöstliche und gestern das nordöstliche Fenster ins Land beschrieben, so öffnet hier sich das westliche. Aber es ist gar kein Fenster, sondern eine freie Höhe vor einer großen Weite; kein Blick in eine kleinräumige Kammer, sondern das Betreten eines Großraums, der indes gleichfalls als ganz in sich abgeschlossen erscheint.

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Einholung des Raums (#1)

27. Juni 2025 — Wenn wir auf die der Schanze vorgelagerte Wiese, das heißt auf die Wasserscheide zwischen Horbach und Deesbach treten, wiederholt sich, jetzt in nordöstlicher Richtung, der Eindruck eines von Berghängen eingerahmten Fensters in die Ferne. Aber wir sind hier nicht nur so weit oben, sondern auch so weit innen im Gebirge, daß die eigentliche Ferne ausgespart bleibt. Sie bleibt ausgespart und ist doch da im Leuchten der Weite des Himmels. Es ist ein Leuchten, das es nur im Hochland gibt. Und das wahrnehmbar ist vielleicht nur im Wissen um die hinter der Horizontlinie liegende Fülle der Gegenden.

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