2. März 2026 — Bibliotheksbesorgungen in Leipzig: eine Tagesreise. Morgens erst spät losgekommen, da ich mich, zwar nichts essend, bei einer Kanne Brennesseltee und zwei Tassen Kaffee festgelesen hatte. Dann ging ich, einer Lust folgend, statt den Bus zu nehmen zu Fuß hinunter zum Bahnhof Mellenbach und genoß, schnellen Schrittes, die unermeßliche »Würzigkeit« (das Wort sei trotz Kitschverdachts erlaubt) des von Sonne durchklärten Vormittags. Das sind die kleinen Schönheiten und Freiheiten, die man, im gefühlt sehr engen Käfig der Sorgen und Besorgungen steckend, nebenher so mitnimmt.
Im Gehen dachte ich wie so oft über die eigenartige, kaum kommunizierbare Konfiguration von Freiheit und Unfreiheit nach, die sich aus einem Beruf ergibt, der sehr zeitaufwendig ist und stete Besinnung (»Konzentration«) erfordert, ohne Geld einzubringen – bei gleichzeitig recht abgeschiedener Wohnlage mit langen Wegen und einer nicht abstellbaren Mühle laufender, nicht weiter reduzierbarer Kosten. In gewissem Sinne ist man vollkommen »frei«. Zugleich ist man Gesetzlichkeiten unterworfen, die kaum einen Schritt zur Seite zulassen. Das Leben ist zur reinen Mathematik nicht nur der Mittel, sondern auch der Kraft geworden; eine Apparatur, die jederzeit ins Stottern geraten kann, und deren »wahres« Innenleben sich kaum ergründen läßt. Jede Reparatur ist Improvisation und Flickwerk; was die mit »gesundem Menschenverstand« Begabten als »vernünftige Lösung« bezeichnen, die man, so die implizite Logik ihrer Ratschläge, gefälligst anzustreben habe, bleibt abstrakte Rede und außer Reichweite. Es ist dies zu einer meiner Lieblingsredewendungen geworden: außer Reichweite. Wußte man das denn nicht aber vorher? Nein, man wußte es nicht. Im Grunde wollte man es doch so? Ja, so ist es, danke. Denn tatsächlich ist es ja so, daß die ganze Wahrnehmungsweise, die sich in Schrift umsetzt, von der Art der Lebensführung nicht zu trennen ist. Kein Element läßt sich herauslösen und gesondert betrachten. Und die bange, kritische Frage ist natürlich, ob es für den Standpunkt der »reinen Erkenntnis«, der dem Schriftwerk eines solch anrüchigen, unbelehrbaren, schwer durchschaubaren Subjekts zugrundeliegt, überhaupt einen tragfähigen Bedarf gibt. Die Mathematik des Fortlebens unter solchen Gegebenheiten ist auch nicht lehrbar, sondern es handelt sich um eine dem Geistigen vorausliegende, von diesem ganz abgezogen bleibende Wissenschaft der Erfahrung. Man braucht nicht lange, um festzustellen, daß jeder Versuch, anderen davon etwas mitzuteilen, zum Scheitern verurteilt ist (es sei denn, man schafft es, schriftliche Formeln zu finden wie die soeben versuchten). Der Regelfall ist: Schon im Sprechen vergeht einem die Lust, weiterzusprechen. Und mit der Zeit (dachte ich jetzt im Gehen) ist es zu einer meiner »Lebensillusionen« geworden (es ist lohnenswert, sich auf dieses Wort von John Cowper Powys immer wieder neu zu besinnen), mit alleden stummen, höchstens knurrenden, schnaufenden oder einsilbig rufenden Wesen des Tierreichs mehr gemeinsam zu haben als mit den sprechenden Menschentieren.
Fahrt nach Leipzig dann mit Umstiegen in Rottenbach, Neudietendorf und Naumburg (die Wege über Neuhaus, Saalfeld und Jena oder über Saalfeld und Gera wären die schnelleren gewesen). In Neudietendorf, wo der kleine Fluß Apfelstädt beinahe die Hügel verlassen hat, die hier nur noch von krausen Büschen und verwachsenen Bäumen bestandene Dämme sind, nutzte ich die halbe Stunde, um im »nahkauf« ein paar Pfandflaschen, die ich noch zu Hause gehabt hatte, gegen eine neue Flasche Wasser umzutauschen – meine Nahrung für den Tag. Es bereitet mir Vergnügen, darauf hinzuweisen, da ich um das Desinteresse der breiten Mehrheit an materiellen Lagen, sachlichen Notwendigkeiten und konkreten Situationen weiß, deren bloße Schilderung in der Regel schon als »larmoyant« abgetan wird. Vom Dichter wird »Idealismus« erwartet, nicht? Hat man es sich übrigens zur Gewohnheit gemacht, im Unterwegssein sowieso so gut wie nie etwas zu essen (dies ist tatsächlich eine Art »Idealismus« oder irgendeine Restform soldatischen Stolzes), bemerkt man erst, wie anders es die meisten anderen handhaben. »Wir haben die Freßkatastrophe«, dachte ich während der Fahrt über Erfurt und Weimar beim Anblick all der kauenden Münder, im Geräusch all der raschelnden Bäckereitüten und knisternd aufgerissenen Plastikverpackungen. Auch fiel mir die Rücksichtslosigkeit auf, die darin liegt, Essensgerüche zu verströmen, wenn man doch damit rechnen muß, daß nicht jeder der Mitreisenden sich eine Mahlzeit leisten kann, weil das vorhandene Geld bereits für die Fahrkarte oder das unter Verrenkungen gelingende Festhalten am Deutschlandticket verbraucht wurde. Und wozu auch essen, während der Zug von Naumburg aus auf die in ihrer Merkwürdigkeit weltweit einzigartige Öffnung des Saaletals bei Weißenfels zusteuert, durch die sich die Südausbuchtung der Norddeutschen Tiefebene weit südlich am Harz vorbei westwärts ins Thüringische einfädelt? In Leipzig dann mußte ich mich bereits beeilen und bemerkte auf diese Weise mit Staunen die verwöhnte Lahmarschigkeit der Stadtbevölkerung. War man etwa auch so, als man noch in der Stadt wohnte? Alle paar Augenblicke könnte man rufen: »Zack zack!«, »Nicht so langsam!«, »Mittagspause ist vorbei!«, »Nicht schon wieder am Kaffee / Saft / Bier nippen!«, »Nicht so selbstverliebt rauchen!«, »Nicht stehenbleiben!«, »Weg da!« …
Rückfahrt durchs Saaletal über Jena, in den Abend hinein. Man unterschätzt bei solch »schnellen« Fahrten nach Leipzig leicht, wie sehr sich dann doch alles zieht. In Saalfeld erreichte ich zwar den 19-Uhr-Bus, verpaßte in Neuhaus aber aus eigener Ungeschicklichkeit den letzten, den 20-Uhr-Bus. Nebenbei bemerkt: groteske Überversorgung mit meistens völlig leeren Bussen! Heimweg also knapp zwei Stunden zu Fuß über den dem Leser bereits bekannten Waldweg, der Alte Poststraße heißt. Das kann bei Dunkelheit, aber auch bei Helligkeit eine miserable Aussicht sein, zum Beispiel wenn es regnet, oder wenn man schon vorher weiß, daß die Holztransporter den Weg in eine Matschgrube verwandelt haben. Heute indes: wolkenloser Himmel und Fast-Vollmond; leichter Wind und trockene Luft; die geheimnisvollen Märzgerüche nach einem bereits recht warmen Tag. Kein Zweifel, es würde sehr schön werden. Darauf mußte ich mich aber erst besinnen; am Anfang stand der Schreck des Gehenmüssens mit leerem Magen, keinem Cent in der Tasche und bereits blutigem Fuß in durchgelatschten Schuhen. Dieser Initialschreck ist nichts Ungewöhnliches. Ich kenne ihn auch von Wanderungen, wenn man sich dazu entschlossen hat, draußen zu übernachten und voller Vorfreude ist. Trotzdem dann der Augenblick des Erschreckens: das hast du also vor dir! Da hilft nur losgehen; denn kaum ist man losgegangen, frei aufatmend, die Handflächen in den Wind haltend, ist der Schreck auch schon verflogen, und es ist, als hättest du dich verdoppelt, dein sorgenvolles Selbst zurückgelassen – soll es doch auf den Bus warten, der nicht kommt! – und wärest dir selbst jetzt außer Reichweite.
Gnade des Gehens: bergab die kleine Seitenstraße, die nach einer Weile zu einer holprigen Allee mit riesigen alten Ahörnern wird, entlang von Kleingärten, im Wispern, Rieseln und Plätschern der »namenlosen Wasser«, die auch hier aus den begrasten Hängen hervortreten. Kurzes Eintauchen in völlige Dunkelheit; dann der Eintritt in die verkehrte Welt der Nachtlandschaft im Mondlicht. Rufe unbekannter Vögel nah und fern; in Gehrichtung der Blick über die schwarzen Höhen hinweg. Einziger Gedanke: »Dort hinein!«, wie in das Innere eines schwarzen Diamanten. Welch ungeheures Glück, den Bus verpaßt zu haben! Über die große, dem Wulstteich vorgelagerte Wiese gehen, das trockene Gras im Mondlicht leuchtend wie Schnee. Kurz am Teich verweilen, der die erste Sammelstelle all der jungen Wasser ist. Und vom Teich aus ergießt sich mit durch Betonrohre verstärktem Getöse der Große Wulstbach in den größtenteils ungangbaren Wald, teils sich wieder mehrarmig verzweigend – er nur einer von mehreren Wulstbächen (der noch zu überquerende »Kleine« Wulstbach ist in Wahrheit der zweitgrößte): denn »Wulst« heißt hier die ganze Gegend, das ganze Gefüge von Hängen, die den Tobel einrahmen, durch welchen die Fahrstraße von Neuhaus in das Tal der Katze (auch dies ein Bach) hinabführt. Diese Straße betreten wir jetzt und folgen ihr ein paar Minuten, weiter hangabwärts, auch hier, über die Schneise der Straße hinweg, der Blick auf schwarze Höhen in der Ferne. Dann rechts auf den Waldweg, der hier, am Hang entlang, bis man die Kerbe des Kleinen Wulstbachs erreicht hat, den Charakter eines ebenerdigen Stegs annimmt, welcher über die kleinen Falten der Erde hinwegführt. Früher ging man hier in völliger Waldheimlichkeit, während man jetzt über die Stümpfe der abgesägten Fichten hinweg sehr weite Aussichten hat. Der Kleine Wulstbach, mit dessen Überqueren der Weg scharf nach links, das heißt hier: nach Norden einbiegt, plätschert in seiner Kerbe sehr laut, ist aber kaum sichtbar, da er tief eingegraben zwischen Graspolstern mäandert, auf denen junge Tannen emporwachsen. Wie herrlich war das anzusehen im Mondlicht; das Gras auch hier wie Schnee. Der weitere Bachlauf ein völlig ungangbares, von keinem Weg oder Pfad durchkreuztes Refugium. Man könnte von Graspolster zu Graspolster hüpfen, um sich ein ungestörtes Nachtlager zu suchen und bis zum Morgengrauen dem Flüstern des Baches zuzuhören, natürlich immer auf der Hut, möglichst kein Tier zu aufzustören.
Denn die Tiere. Es ist unendlich rührend, im Gehen bei Nacht ihr Rascheln, Schnaufen und Grunzen, ihr Rufen, Krähen, Knacken und Traben zu hören. Ganz von selbst ist man bemüht, sich leise und immer leiser fortzubewegen, um keines dieser Wesen zu erschrecken; denn sie wollen nicht gestört werden und lieben, wie Gott, die Dunkelheit. Auch mußte ich daran denken, wie still sie sich zurückziehen, wenn sie sich nicht mehr zu helfen wissen: ein jedes in seiner Nacht, wie in tiefem, uraltem Einverständnis mit allem, was kommt und geschieht.
Sobald der Weg nach Norden einbiegt, führt er wieder mäßig bergan, und nach einer Weile taucht die Kuppe der Hettstädt auf, die man etwa eine Viertelstunde lang im Blick behält: bei Nacht freilich nur als schwarze Wölbung. Die Alte Poststraße umrundet sie in weitem (etwa halbstündigem) Bogen; auch hier allüberall die Stümpfe der gefällten Fichten und die mondbeschienenen Fernen, jetzt rötlich schimmernd und mit einzelnen Lichtern darin. Das Gefühl, nun gleich zu Hause zu sein (etwa eine Viertelstunde noch), stellt sich ein, sobald zwischen stehengelassenen Tannen die große, grasbewachsene Fläche eines ehemaligen Hochmoors sichtbar wird: auch sie im Mondlicht wie Schnee. In einiger Entfernung sah ich ein hundsgroßes Tier den Weg überqueren und die Fläche betreten. »Das ist also die Marderschneise«, dachte ich; denn kürzlich hatte sich am hellichten Tag dasselbe ereignet, und es war eindeutig ein sehr großer Marder gewesen. Damals hatte das Tier mich bemerkt, jetzt nicht. Als ich mich näherte, sah ich es mit seinem buschigen Schwanz, ganz in sein Tun versunken, eine Art Jagdtanz aufführen: immer um eine Stelle im Gras, vermutlich ein Mäuseloch, herumspringend. Während ich mich bemühte, keine Bewegung zu machen und kein Geräusch zu verursachen, fiel mir etwas Merkwürdiges auf: die Helle des Mondes verschluckte an diesem Abend nicht wie sonst das Licht der Sterne, sondern schien es noch zu verstärken: einer strahlte heller als der andere. Ein ungeheures, wie von Ewigkeit zu Ewigkeit feststehendes Bild: der im Mondlicht tanzende Marder, auch er bereits zum Sternbild geworden, unter dem lichterbesäten Mantel des Himmels. Ein großes Alleinsein schien aufgezogen zu sein wie ein lautloser, alle Wände durchdringender Sturm. »In der Welt seid ihr allein …« – wer hat das gesagt? Nein, es heißt ja: »In der Welt habt ihr Angst …« – aber wovor Angst haben? Umgibt dich überhaupt eine Welt, kleiner Jäger? Niemand kennt dich, du wohnst im Unsichtbaren, und doch behauptest du, da zu sein, und alles an dir ist diese Behauptung. »Außer Reichweite«, dachte ich. Und in diesem Augenblick schoß er mit seinen hastigen, kleinen, schnellen Sätzen davon, in typischer Wellenbewegung, mit glänzendem Schwanz, quer über die große, helle Ebene. Mach’s gut, kleiner Jäger! Und die Sterne schienen noch immer heller zu werden, und der Wind trug das Alleinsein in jeden Winkel des schwarzen Landes, und etwas wie eine Antwort lag in der Luft, obwohl keine Frage gestellt worden war.