Die namenlosen Wasser

25. Februar 2026 — Wie gelingt es, sich an die viel zu schnell schon wieder lang und länger werdenden Tage zu gewöhnen? Von Jahr zu Jahr mehr wäre, bevor dieses Erschreckende geschieht, ein Winterschlaf als Tier unter Tieren nötig, eine Stillstellung des ganzen Lebens ohne menschliche Aktivität, eine weit nach Süden ausgreifende Polarnacht; ohne Weihnachts- und Neujahrsbetrieb auch, als »Fest« geltend allein die vom Vieh umstandene Krippe in der Einsamkeit der rein auf der Traumseite durchlebten Rauhnächte. — Wie also, da der Winter nicht genügte und die Sehnsucht bis vor kurzem noch ins Dunkle und immer Dunklere wie in eine Kaninchenhöhle ging, seinen Raum (den Geh-Raum, der immer auch Denk-Raum ist) wiedergewinnen, wenn die rapide schneefrei gewordenen Hügel nur das Gesicht der nagenden Zeit, des Mangels und der eigenen Unzulänglichkeit zu zeigen scheinen? Der sonst so zuverlässig wirksame Kohlmeisenschlag – vorweltlichstes aller Geräusche! – konnte es in diesem Jahr noch nicht bewerkstelligen, »neuen Raum in den Raum« zu stellen, und bis zum Aufgang des Schwalbengeräums ists noch eine Weile. Das Entscheidende, die »Ermannung« oder Herzerhebung, muß vorher geschehen. Was könnte helfen? Vielleicht (so schien es mir gestern im Gehen) hilft jetzt der tief beglückende Anblick der namenlosen Wasser! Heide genug, um es gewohnt zu sein, die Elemente anzurufen (wenngleich nur im Stillen), sah ich sie entlang der Alten Poststraße plötzlich überall.

Die namenlosen Wasser: so nenne ich all die kleinen und größeren, schwachen und kräftigeren Rinnsale, die jetzt, teils aus Schmelz-, teils aus Quellwasser bestehend, halb uneingehegt durch den Wald und über die Bergwiesen strömen. Halb uneingehegt heißt: sie betreiben ihre eigene Einhegung, indem sie sich kleine Furchen, dann Gräben schaffen, oder indem sie sich bereits vorhandene, ebenfalls namenlose Gräben suchen, bevor sie endlich, »nach langer Zeit« (und sofern sie nicht wieder versickern), ein von den Sterblichen mit einem Namen versehenes Bachbett erreichen. Aber immer wieder ist auch zu beobachten, daß sie ihre Bahn noch wieder ändern, von neu entstandenen, stärkeren Rinnsalen mitgerissen und umgeleitet werden – oder daß sie gar keinen Graben, keine Furche geformt haben, sondern in breitem, flachem Strom »wild« über den Waldboden oder das Gras fließen. Wer würde dies nicht für einen besonders herrlichen Anblick halten?

Es ist schön, dort zu wohnen, wo der Idealismus der Namengebung versiegt. Gewiß, namenlose Flecken, Flächen, Erhebungen und Rinnsale mag es überall geben. Im Hohen Schiefergebirge gibt es sie aber in großer Menge, und zwar erstens, weil die Besiedlung durch die sich »Menschen« nennenden Sterblichen (auch hier der Idealismus der Namengebung) erst sehr spät stattgefunden hat (ältere Namen haben meistens mit den Verkehrs- und Handelswegen zu tun, die hier über die Höhen führten); zweitens, weil der Kamm des Thüringer Waldes sich nach Südosten hin so sehr ins Flächige breitet, daß die zerklüfteten, zerfurchten Hochflächen einen unübersehbaren Formenreichtum mit sich bringen; drittens, und jetzt rein die Rinnsale betreffend, weil aus dem Gebirge schlicht und einfach sehr viel Wasser emporsprudelt, das in die vier Himmelsrichtungen hinunter muß. Gerade die an sich nur mäßige Höhe sorgt ihrer so zentralen wie weltenfernen Lage wegen dafür, daß man sich auf paradoxe Weise auf dem »Dach Deutschlands« wähnt, da man Saale-Elbe, Werra-Weser und die geruhsamen Windungen des Mains alle zugleich unter sich hat. Auch eine längere Besiedlungsgeschichte hätte vielleicht nicht ausgereicht, um in dieser Gegend allen festen und flüssigen Erscheinungen des Irdischen einen Namen zu geben.

Der Hochflächencharakter des Gebirges hat auch zur Folge, daß die Bäche längere Weile brauchen, um sich zu sammeln, und sich in der Regel aus vielen verschiedenen, namenlos gebliebenen oder nur ausnahmsweise benamten Quellen speisen. Der kleinste Bachlauf kann das Resultat eines riesigen Einzugsgebietes sein und dementsprechend »zu seiner Zeit« gewaltig anschwellen. Es sind mitunter feinste Verästelungen, die in das Einzugsgebiet emporführen. In gewissem Umfang gilt dies auch für den die Hausseite der Hettstädt entwässernden Horbach, den der Leser dieses Blogs bereits kennt. Der Quelltopf, ein paar Meter von der Landesstraße entfernt, ist eigentlich nur die zentrale Sammelstelle. Es ist nicht so, daß hier »der Horbach« aus dem Erdreich hervortritt. Sondern oberhalb des Quelltopfs, jenseits der Landesstraße, wo der Sattel zwischen Hettstädt und Himmelsleiter eine größere Ebene formt, befindet sich noch ein zuführender Graben, nach dessen erster Biegung oder Verzweigung sich schon nicht mehr sagen läßt, ob dies noch oder bereits »der Horbach« ist oder nicht. Das Gefühl sagt: er ist es nicht; wir sind im Namenlosen angekommen.

Und auch unterhalb des Quelltopfs, wo der Horbach bereits einen mächtigen, steil hangabwärts führenden Graben formt, befinden sich noch weitere Quellen. Ich spreche nicht von »Zuflüssen«, denen man, wie unbedeutend sie auch wären, bereits einen eigenen Namen geben könnte, wenn man denn wollte; sondern Wasser springt hier überall in winzigen Fontänen aus den sumpfigen Wiesen hervor – glücklicher Tag, als ich es vor ein paar Jahren, es war März, entdeckte! Die dem noch steileren Wald vorausliegenden Hangwiesen müssen also in ihrer Gesamtheit als Quellwiesen bezeichnet werden, wie denn auch die ganze Gegend recht eigentlich Quellgebiet genannt werden kann: schwimmend auf den namenlosen Wassern. Deren beglückende Wirkung mag damit zu tun haben, daß sie uns zuzurufen scheinen: Nichts ist für immer! Was heute noch steht, kann morgen schon fortgeschwemmt sein. Die Zukunft kann nicht ernstgenommen werden – sieh doch, wie lächerlich alles ist, was geschieht. Ein neuer Jahreskörper steht auf – was geht’s dich an? Es gibt kein Werden, sondern nur eine große Vergangenheit. Und mitzuverfolgen, wie der Raum der Erinnerung wächst, und in ihm immer heimischer zu werden, ist alles, was getan werden kann.