Langsamkeit der Schrift

22. September 2025, vormittags — Ich darf ankündigen, …

… daß es noch in diesem Jahr ein neues Buch von mir geben wird. Worum es sich handelt, verrate ich erst bei Erscheinen. Nur soviel: in meiner klugen, guten, wahren und schönen Aufteilung der Bücher in Dichtung und Deutung wird es auf die Seite der Deutung fallen. Derweil hat dieser Blog, ich gebe es zu, noch nicht die erforderliche Dichte erreicht. Aber was ist schon erforderlich? Was ist schon dicht? Regelmäßigkeit ist angestrebt. Ich möchte mir zu diesem Zweck durchaus den Mut zu auch mal kürzeren, ja zu Kürzestbeiträgen angewöhnen – oder die Fähigkeit dazu erwerben, je nachdem. Die Eindrücke aufnehmen, wie sie fallen, zack! Irgendein Eindruck fällt ja immer, wenn man geht, und gegangen wird ständig. Wenn auch im Moment eher weniger, da die Zeit – endlich wieder! – am Schreibtisch verfließt. Viel, viel Zeit. Da kann auch mal auf einen Einkauf (und das zugehörige Gehen) verzichtet werden, da man eh nichts ißt (und ist), solange das Buch nicht fertig ist. Verkehrte Welt des Schriftstellers (auf die er nicht stolz ist): Warten »die Leute«, jedenfalls viele davon, während ihrer Arbeit immerzu auf die Freizeit, so wünscht sich der Schriftsteller während seiner Freizeit nichts sehnlicher als das endliche Arbeiten(können), und er leidet sehr, wenn die Einrichtung der Welt mit allen ihren »Gegebenheiten« sich als Falle erweist, ersonnen zu dem einzigen Zweck, ihm dieses Geschenk zu verwehren. Natürlich ist der Schriftsteller auch dumm genug, immer wieder in alle möglichen Fallen zu tappen (gespenstische Vorspiegelungen der einen großen, der Weltfalle). Aber dies nur nebenbei. Die schöne Nebensache des Aufschreibens der Eindrücke beim Gehen betreffend, ist auch das Gegenteil des gerade eben formulierten Vorsatzes wahr: es braucht nicht alles aufgeschrieben zu werden, und einmal Aufgeschriebenes braucht auch nicht wiederholt zu werden. Wie in allem, so muß auch hier der (unmögliche) Mittelweg gefunden werden. Und wenn ich mich, um der Sache dieses Blogs zur Regelmäßigkeit zu verhelfen, dazu ermahne, die Eindrücke aufzunehmen, wie sie fallen, so muß ich zugleich feststellen: Echtzeit kann ich nicht! Immer muß ich (falls diese Selbstbeobachtung erlaubt ist) bis hin zur Manie erst Zeit vergehen lassen, um dann aus einer gewissen Ferne der Erinnerung »wie von selbst« sich alles ergeben lassen zu können. So wie ein Träumer ja auch nie seinen Traum aufschreiben kann, während er träumt, sondern eben immer erst hinterher. Und die besten, bedeutsamsten, gültigsten Träume sind immer die, an die man sich auch viel später noch erinnert, ohne weitere Hilfsmittel. Und so, aus dem Warten und Wartenkönnen auf die Erinnerung und ihren Fernblick, kommt sie, meine ich, zustande, die Langsamkeit der Schrift. Mich jedenfalls – aber die Geschmäcker sind verschieden – interessieren als Schreiber wie als Leser beinahe nur Schriften, die langsam sind. Langsam nicht notwendigerweise in ihrer Entstehung (ihrem Werden), sondern in ihrem Sein. So, als gäben sie ihre Form und ihren Inhalt (ihre Botschaft) nur widerwillig preis, was aber ebenfalls nicht notwendigerweise der Fall zu sein braucht, da es gewiß Leser gibt, die jeden möglichen Text sofort zu verstehen, zu begreifen und einzuordnen imstande sind. Was ist also das Langsame? Schwer zu sagen. Vielleicht dies, daß es sich nicht sagen läßt. Oder, versuchsweise ausgedrückt: daß ein solch wesensmäßig langsamer Text (egal, um was für einen es sich handelt) keine Thesen illustriert, und daß er dies dort, wo es doch einmal der Fall ist, niemals zur Hauptsache werden läßt. Kurzum: Der Schriftsteller weiß sich durch Langsamkeit der Nutzbarmachung zu entziehen. Ja, das wird es sein. An einem Text, dem die Langsamkeit als Grundprinzip innewohnt, gibt es, da er – wie auch anders? – in die Schwere alles Irdischen, in die Komplexität und Widersprüchlichkeit alles Menschlichen eingesenkt ist, nichts aufzulösen, nichts »herunterzubrechen«, nichts zu vereinfachen, nichts »verständlich zu machen«, nichts zu beschleunigen. Es ist ein wenig, wie absichtlich den Bus zu verpassen, da man es für zu niedrig hält, möglichst schnell, ohne Verzögerung, von A nach B zu gelangen. Als hieße das schon, das Kind mit dem Bade auszuschütten. Als wäre dies schon unumkehrbar die Niederlage. Und die Intention geht ja eben doch auf den Sieg, wenn auch nicht auf einen schnellen. (Dies alles nur am Rande bemerkt, während draußen der Herbstregen gekommen ist.)

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