26. August 2025 — Der Waldweg von Deesbach nach Neuhaus heißt »Alte Poststraße«. Das erinnert an die Zeit – genauer: an alle Zeiten vor unserer –, als die Transportwege über die Höhen verliefen, weil die Täler zu waldig und sumpfig waren. Wer durch Deutschland wandert und die Karten studiert, wird deshalb immer wieder auf sogenannte »Hohe Straßen« stoßen. Sie sind ein Namensregelfall, wie es in Thüringen die »Langen Berge« sind. Bekanntere, sehr schöne Hohe Straßen ziehen sich von Frankfurt am Main und Bad Wimpfen am Neckar jeweils ostwärts. Die Erinnerung daran, bereits abgespalten, wie aus dem Leben einer anderen Person, ist in die Jahreszeiten getaucht: die kargen, kalten hessischen Spätwinter der Jahre 2010 bis 2013; die durch den allesdurchdringenden Blütenduft wie in eine Traumwelt gehobenen warmen, windigen südwestdeutschen Tage und Nächte im Frühsommer 2016.
Bedenk ichs recht, so war meine Idee oder mein Ideal des Wanderns schon immer: tagelang auf Hohen Straßen unterwegs sein und die Durchquerung eines Tals so lange wie möglich hinauszögern. Man lebt so durchaus in einer verkehrten Welt und empfindet sie zugleich als die richtige, feststehende, immergültige. Denn der Wanderer von heute kommt aus der Ebene oder einem Tal und liebt es, Pässe zu überqueren. Dagegen der Bewohner der Hohen Straßen (man könnte ihn – das gefiele jedenfalls seinem Selbstbewußtsein – auch einfach den Fortsetzer der Alten Welt nennen) liebt zwar nicht, aber genießt doch als Unabwendbarkeit – denn irgendwann muß es ja geschehen – die Durchquerung der Täler, um möglichst wieder eine nächste Hohe Straße zu erreichen. Was dem Menschen von heute der Paß, ist dem Bewohner der Alten Welt die Furt.
Über die Alte Poststraße von Neuhaus aus heimzulaufen, heißt meistens, Einkäufe im Rucksack zu haben. Ein Jahr lang hatte ich meine Einkäufe stets mit dem Jutebeutel in der Hand aus dem viel näheren Oberweißbach heimgetragen. (Über Oberweißbach weiß der Leser noch nichts, da es den dritten Teil der »Einholung des Raums« noch nicht gibt.) Erst im Spätsommer 2021 entdeckte ich, wie schön sich die Alte Poststraße begehen lässt, und war fortan süchtig nach ihr. Um mich nicht jeden Tag auf den längeren Weg begeben zu müssen – man hat ja, um es auf die Weise der Heutigen zu sagen, »auch noch anderes zu tun« –, wurde der Jutebeutel durch einen Rucksack ersetzt (ein Stilverlust, gewiß). Erst seit Einführung des Deutschlandtickets (danke, liebe Politik!) nehme ich gelegentlich auch den Bus.
Der erste Eindruck der Alten Poststraße war: ungeheuer edel! Abgesehen vom breiten Forstweg, den auch die großen Lastwagen befahren können, um Holzstämme zu transportieren, durchquerte man hier eine fürstliche Jagdlandschaft des achtzehnten Jahrhunderts. Das treffende Wort für die den Weg säumenden, immer wieder durch kleine Wiesen aufgelockerten Wälder: stattlich! Doch schon bald begannen die Rodungen; der tiefgrüne, noch gesund wirkende Hochwald (ungesunder, vertrockneter Wald freilich bereits von überall sich nähernd) mußte fallen. Die Einkaufsgänge wurden zunehmend vom Röhren der Fahrzeuge, vom Knacken der Äste und Brechen der Stämme begleitet; der aufgewühlte Weg versank im Matsch und war kaum leichter zu begehen, wenn der Matsch im Winter festfror. Auch bei Schnee ruhten die Arbeiten nicht, was den Vorteil hatte, dass man oft in einer Fahrspur gehen konnte, sofern diese nicht schon wieder zugeweht war.
All dies brachte eine eigene, neue Schönheit hervor. Es wurde normal, durch knöchelhohen Matsch zu stapfen oder auf vereisten Fahrspuren auszurutschen und mit den Einkäufen auf den Rücken zu fallen. Und im Frühling 2023 gab es keinen Tag, an dem man nicht durch nieselnden oder strömenden Regen gehen musste, wodurch der neue Zustand der Gegend erst seine ganze Wirkung entfaltete. Merkwürdig anrührend war es auch, wenn im letzten Licht der Abenddämmerung Holzstämme verladen wurden und ein riesiges Fahrzeug den Weg auf ganzer Breite versperrte. Es war dann, als wäre man auch selbst Waldarbeiter und dies eben die einzige in der Einsamkeit noch übriggebliebene Gesellschaft. Auch fand man sich damit ab, dass die Verwüstung des Waldes von Dauer sein würde. Warum sollte der Mensch anderes verdient haben als Verwüstung?
Dies freilich war nur Schein. Ahnbar wurde es schon im Juni 2023, als das nasse Frühjahr plötzlich von einem strahlenden, trockenen, windigen Juni in klarster Höhenluft abgelöst wurde und Scharen verschiedenster Vogelarten den Wald bevölkerten, als wäre nichts geschehen. Und die Vogelschrift, eine zweite Erde ganz aus Klang, wurde bald ergänzt von der Schrift des zwischen den stehengelassenen Baumstümpfen emporwachsenden Grases, des Fingerhuts und der Weidenröschen. Die Gräser sehen übrigens immer trocken aus wie Heu und sind wie die unterste Schicht eines uralten Gemäldes. Darauf aufgetragen: die kaum dunkleren Baumstümpfe und die feurigen Blumentupfer vor den blauen und grauen Fernsichten, die an die Stelle der alten dunklen Waldgeborgenheit getreten sind. Sogar der hellgraue Schotter, mit dem der Weg jetzt neu aufgefüllt ist, fügt sich stimmig ins Bild ein.
Weiter zu beschreiben ist nichts; es gibt an dem Weg eigentlich nichts zu beschreiben. Es ist übrigens, hin und zurück, immer derselbe. Alles andere wäre mit großen Umwegen verbunden, die schon die Qualität einer Wanderung hätten. Das liegt eben daran, dass man auf einer Hohen Straße unterwegs ist, und dass der Grat oder Bergrücken, über den sie unter mäßigem Auf und Ab verläuft, zu beiden Seiten hin steil und weit abfällt. Einzig zu Beginn (oder Ende) des Weges ist zu entscheiden, ob man dem breiten, die Hettstädt umrundenden Fahrweg folgt, oder ob man das unwegsamere, von viel Wild bewohnte Gelände der Hettstädt direkt überquert. Zwanzig Minuten Zeitersparnis!
Heute indes kam es darauf nicht an, der etwas längere Weg war der zwingend auf der Hand liegende. Ein warmer, beinahe heißer Tag; der Himmel, obwohl ein Wetterumschwung erst übermorgen ansteht, in malerisches Vorgewittergrau getaucht. Auf Deesbach zu öffnet sich zunächst eine weite freie Fläche, bei der es sich um ein ehemaliges Hochmoor handelt; dann erreicht man, im Blick bereits die gelbe Düne der Himmelsleiter, den Sportplatz, hinter dem die kleinen Quellbäche (Rinnsäle nur) der Weißen Schwarza steil hinabfließen und die nahe Meuselbacher Kuppe aufragt. Zwischen der Meuselbacher Kuppe und der Himmelsleiter über Cursdorf hinweg hindurchzublicken, heißt bereits, zum dritten Teil der »Einholung des Raums« überzuleiten. Denn hier scheint, von »Langen Bergen« gleichwohl verborgen, der »Große Norden« des Thüringer Beckens ins Bild herein und war heute, unheimlich beinahe, eine dunkelgraue Höhle, als wäre der warme Spätsommer übergangslos in den November gekippt.
Kurz vor Erreichen des Sportplatzes geht der Forstweg in eine schmale asphaltierte Straße über (in Fleisch und Blut übergegangen: das Abklopfen der Schuhe, sobald der Asphalt betreten ist). Hier beginnen Ebereschen in herrlichen strauchartig-vielstämmigen Exemplaren den Weg zu säumen. Das Leuchten der Beeren an den Eschen hat jetzt seinen Höhepunkt erreicht, und heute sah das flammende Rot vor dem Grau des Himmels aus, als wäre das Ende der Welt jetzt in Frieden und Schönheit eingeläutet. Überhaupt scheinen mir die Ebereschen, wenn August ist, die Königinnen der Gegend zu sein.