Stilkunde vor Rauchsäulen

Juli 2025 — Am 2. Juli, dem letzten der Hitzetage, nahm ich den Bus von Saalfeld nach Neuhaus. Die gewohnte Heimfahrt über die Saalfelder Höhe. Zuvor Bibliotheksbesuch in Leipzig und, da es noch früh war, Gang im Saaletal. Überall – auf den Straßen, in der Bahn – die Beobachtung einer nachlassenden Spannung, die die Leute sonst in Schach hält. Bei 36 Grad Celsius wird vieles, was sonst scheints gilt, egal.

Das ist es zwar sowieso. Worum handelt sichs überhaupt? Aber die hohe Lufttemperatur scheint auch der Mehrheit der Passanten die Möglichkeit dieser normalen Empfindung, dieses Realismus einer bloßen Traumwelt zu eröffnen. Ähnlich ist es bei Schnee. Irgendein Druck löst sich auf, die Natur selbst verordnet Urlaub, alles hat Zeit und darf aufgeschoben werden. Aber im Sommer, wenn nach klaren Tagen mit hoher Bläue dann Graues, Diesiges in die nicht nachgeben wollende Hitze sickert, tritt noch – auch dies ein Aspekt des Schönen – eine unbestimmte Katastrophenerwartung hinzu, als könnte jederzeit alles passieren.

Der übliche Bierkonsum im Umfeld der Bushaltestellen am Saalfelder Bahnhof schien indes unbedenklich. Keinerlei sich ankündigendes Kippen der Stimmung, wie man es an Hitzetagen aus den gereizt-überfüllten Städten Westdeutschlands kennt. In einer Gruppe von ältlichen Biertrinkern mit Plastiktüten erkannte ich die Schriftzüge »Motörhead« und »Lemmy« auf den Shirts. Man schien dort zu überlegen, was von mir zu halten sei; war das helle, schwarz bedruckte Shirt, das ich anhatte, überhaupt ein Metal-Shirt?

»Eher links«, hörte ich sagen. Diese ohne Feindseligkeit, sondern in neutralem oder sogar freundlichem Ton getroffene Einordnung war offenbar für einen Augenblick von Belang. Dabei darf als ausgeschlossen gelten, daß die Entzifferung des wurzelwerkhaft verzweigten oder an zerfließenden Käsekuchen erinnernden Bandlogos gelungen war (es ist unentzifferbar). Auch dürften Wolves in the Throne Room »denen« kaum ein Begriff sein; es wird sich bei der Einordnung also um reines Fabulieren gehandelt haben. Man kennt das. Die Leute stellen irgendwelche Vermutungen an und halten die dann gleich für die Wahrheit. Der Hang zum Fabulieren ist geradezu ein Erkennungszeichen des »Volks«.

Ein Gespräch wurde gottlob nicht angesponnen; die Sache wurde abgenickt oder im Bier- und Zigarettendunst gleich wieder vergessen. Ich nahm es von der Seite wahr. Die dort Sitzenden und Stehenden waren größtenteils gewiß zwanzig Jahre älter als ich, ohne daß einem das lächerliche Wort »Rentner« einfiel. Die Szene war weder unangenehm noch einladend. Es gab keinen Grund, sich interessiert zu zeigen; was hätte man auch reden sollen?

Bei der Gelegenheit fiel mir wie schon so oft auf, daß Metal-Shirts keinerlei tragfähige Gemeinschaft stiften. Das haben sie auch vor dreißig, vierzig Jahren nicht, auch wenn manchmal so getan wird. Sie geben keinen Anhaltspunkt für Gemeinsamkeiten. Ich hätte auch ein Motörhead-Shirt tragen können, es hätte nichts geändert. Man wird durch das Tragen eines solchen Shirts nicht Teil einer »Community«, und eine Band ist auch kein Fußballclub. Die Lebenswelten sind zu unterschiedlich; die Frage des Musikgeschmacks ist zu zufällig und nichtssagend. Es bedeutet nichts, gibt nichts her, ist uninteressant. Gut so!

Es ist Normalität und damit unerheblich – was freilich auch für jeden anderen denkbaren Aufzug gelten müßte. Wie jemand aussieht, taugt nicht als Signal. Es läßt sich nichts daraus herleiten, nichts ablesen; alle Bedeutungen sind gleich und gleichgültig, leer und ohne Botschaft. Leider aber wird dieser Standpunkt auch in der heutigen »Gesellschaft der Singularitäten« nicht durchgehalten. Eher sogar stellen sich neue Machtverhältnisse her, oder die alten werden reaktiviert. Es ist die Traurigkeit des Tiers, auf Signale reagieren zu müssen.

Großes Wohlbefinden während des Stehens in der Hitze und des Wartens auf den Bus. Müde vom Gehen und voller Gehlust. Zugleich fühlte ich mich mindestens zwanzig Jahre älter als »die da«; ein Greis, der mit niemandem etwas zu tun hat. Nicht mehr erreichbar, den Sinn an ihn gerichteter Worte nicht begreifend. Die Ampulle des Lebens ist leer, das war’s schon. Dabei trotz Herzschwäche noch rüstig; zu Fuß unterwegs auf weiten, einsamen Wegen, die indes ohne Rest die aufgesparte Kraft verbrauchen. Ein System für sich, unerklärlich und außerstande, sich zu erklären. Gehen und schweigen, nur dies. Alles andere: außer Reichweite!

Das Shirt? Ein Relikt, dessen früherer Sinn und Zweck vergessen ist; der Greis trägt es noch, weil’s halt da ist. Bequemer, guter Stoff, der auch nach Tagen des Schwitzens nicht stinkt. Unter dem Bandlogo: die kupferstichhafte Abbildung einer antiken Stadt am Fluss. Groß im Vordergrund ein Wolf, der eher aussieht wie eine Hyäne. Er nagt an der Leiche eines Königs. Dahinter, kleiner, sieht man in Rückblende denselben König, der sich von einem Feuer abwendet; in den Flammen, auf den entzündeten Holzscheiten stehend, der Wolf. Auf der Rückseite des Shirts die Abbildung eines alten Holzschnitts: Mann und Frau beklagen den Brand der Stadt. Die Flammen lodern haushoch; Vögel fliehen vor dicken Rauchwolken. Darunter der Vierzeiler: »Dethrone the tyrants / Shatter their bones / And devour the marrow / Tear their altars down«.

Harmlose Revolutionsromantik, als Kunst getarnt. Als bedürfte es einer Tarnung. Kindlich wie ein ausgestreckter Mittelfinger; was willst du damit? Indes fallen mir die Verse von Otto zur Linde ein (Lieder des Leids, 1924): »Oh Schicksal! Denken wird in meinem Hirn nicht kalt — / Doch wird mein Leichnam bald / [Des Denkens abggeworfene, nun tote Gestalt] / Von euch auf Stein gestellt — / Oh könnt ich furzen dann in eure Affenmäuler!« Punk!

Der Greis hat alles schon vergessen, auch den Tod. Der ist ganz nah, wenn er kein kommendes Ereignis mehr ist, sondern bereits in den Bildern der Vergangenheit wohnt, die immer mächtiger werden. Die Erinnerung wird Gegenwart, die Gegenwart Erinnerung. Dann ist alles innen, und die Eigenwelt ist ohne Grenzen, ein ewiges Verweilen, ein großer Brand.

Gedankenspiele nur. Bloßes Fabulieren, dem Warten in der Hitze geschuldet. Alles ist Traum.

Dann: steil in Kurven durch den Wald hinauf. Der Bus hat die kleine Stadt schnell verlassen; schon bald befindet man sich auf 500 Metern Höhe und erreicht das Dorf Arnsgereuth. Dort beginnt die Hochfläche, welche Saalfelder Höhe genannt wird. Man betritt hier eine weite, offene Wellenlandschaft ganz eigenen Stils. Wer hier wandert, betreibt automatisch Stilkunde. Die Wellen bieten Platz und auch der Boden ist tiefgründig genug für Ackerwirtschaft – ein im Gebirge ungewohnter Anblick. Zwischen den Ackerflächen aber befinden sich nicht nur einzelne bewaldete Hügelkuppen, sondern es beginnen auch langgezogene, rasch sehr tiefe, in alle Richtungen hinabführende, größtenteils bewaldete Bachtäler, so daß eine vereinfachte Darstellung der Landschaftsgestalt durchaus einem vielarmigen Seestern gleichen würde.

Der den Seestern von Nordost nach Südwest überquerende Bus folgt der Bundesstraße und durchfährt Arnsgereuth, Kleingeschwenda, Hoheneiche, Reichmannsdorf und Schmiedefeld. Abseits der Bundesstraße werden die Straßen schnell eng und enger, die Siedlungen kleiner. In Wickersdorf etwa fühlt man sich schon völlig weltabgewandt; aus einem Talgrund emporsteigend betritt man weniger ein Dorf als ein Refugium alter Bäume, zwischen denen verzaubert ein Feuerwehrhaus steht wie noch nie benutzt, bloße Attrappe. Aber auch das große Anwesen steht noch – und dient jetzt einem guten Zweck –, wo Gustav Wyneken in einem vergangenen Erdzeitalter, noch vor den Dinosauriern, sein Landerziehungsheim gründete. Bildungsbürgerideen wurden also sogar hier angespült, hielten sich kurz auf dem Rücken des Seesterns und wurden dann wieder fortgeschwemmt; jetzt sind sie bereits tief in der Mülltonne der Geschichte vergraben wie Vogeldreck. Eiszeiten sind darüber hinweggegangen und haben Schichten von Sand und Kies aufgetragen.

Der Bus ist nie voll besetzt, aber man ist auch selten ganz alleine; immer steigt irgendwo jemand ein oder aus. Zwischen Hoheneiche und Reichmannsdorf breitet sich großer Wald. Man hat unmerklich noch weiter an Höhe gewonnen – Reichmannsdorf liegt auf 700 Metern – und überquert hier, freilich ohne es zu bemerken, einen das Schiefergestein durchziehenden Quarzitgürtel, zu dem auch die Meurasteine gehören. Nicht weit von hier befinden sich auch, nur von Wald und Wiesen umgeben, die Reste der Wallfahrtskirche St. Brandis; nur die Grundsteine haben sich erhalten. Sie wurde im 12. Jahrhundert von Saalfeld aus errichtet und diente auch der Mission, die in der unwirtlichen, verschachtelten, von »rauhen Gesellen« (wie es auf der Informationstafel heißt) bewohnten Gegend noch immer nicht vollzogen war. Ob sie überhaupt gelang, wissen wir nicht. Es ist ein merkwürdiger, unheimlicher, aufregender Gedanke, daß das Land vielleicht noch am Vorabend der Reformation nicht vollständig und nicht tief verchristlicht war.

Wie überall, so ist der Wald auch entlang der Bundesstraße stark gerodet worden. Wo man früher nur in die Bäume schaute, öffnen sich jetzt weite Aussichten. Mit Spannung erwartet man auf jeder Busfahrt nach Saalfeld oder zurück die Stelle, an der man unglaublich tief hinab in den Loquitzgrund bei Probstzella schaut; die Hochfläche besitzt hier eine sehr hohe, steile Abbruchkante. Reichmannsdorf dann – so geheißen, weil es einst ein reiches Goldgräberdorf war – liegt terrassenartig vorgeschoben, von Bergwiesen umgeben, die besonders weite Aussichten bieten. Das liegt daran, daß der Rennsteig nach Osten hin abflacht und seinen Charakter als Blickgrenze verliert. An klaren Tagen blickt man über den Frankenwald hinweg bis zum Fichtelgebirge, und man möchte nichts tun, als über die Wiesen zu gehen und in die Ferne zu schauen.

Heute indes war es anders. Man wartete nicht auf die Aussichten, nicht auf sich öffnende Fernen, sondern auf etwas anderes. Schon bald hinter Kleingeschwenda waren Rauchsäulen aufgetaucht, die hoch in den Himmel stießen. Nach Wochen der Trockenheit und mehreren sehr heißen Tagen war gleich klar, um was es sich nur handeln konnte: Wald- oder Flächenbrand! An einer Stelle sah man aus dem Busfenster wie durch ein Vergrößerungsglas die Flammen: ein trauriger, träumerischer Anblick, wie ein altes Bild oder ein Fenster in die Seele des Menschen, dieses Agenten der Zerstörung.

In Reichmannsdorf und Schmiedefeld fuhren Feuerwehr- und Polizeiautos umher mit großem Sirenengeheul. Eine Frau, etwa zehn Jahre jünger als ich, stieg ein und frug die Busfahrerin, ob die wisse, was los ist. »Bei dem Wetter flippen wieder alle aus«, sagte sie dann, und ich sah, daß auf ihrem schwarzen Shirt zwei zum Teufelsgruß geformte Knochenhände abgebildet waren. Ne Anständige, Sympathische. Zugleich fand ich die Gelassenheitspose zu dick aufgetragen. Die anderen neigten also zum Ausflippen – sie, die alles durchschaute, war die Ruhe selbst. Die Knochenhände und die Gelassenheitspose bedingen einander, dachte ich. Man konnte sich vorstellen, was sie für einen »Kerl« hatte: wahrscheinlich einen »echten Germanen«, den nichts aus der Ruhe bringt, betont unaufgeregt, stets »souverän«, gerne auf Metalfestivals unterwegs. In diesem komischen Thüringen fühlt sich ja jeder zweite Handwerker als echter Germane, dachte ich, und ermahnte mich zugleich: Nicht urteilen! Niemanden »lesen«! Jetzt sind die eben in der Mehrheit und definieren, was normal ist. Und du gehörst auch dazu mit deinem scheiß Wolves in the Throne Room-Shirt. Es liegt nichts daran, sich zu unterscheiden. »Wir sind mehr!«

In Piesau war der Brand schon fast wieder vergessen. Der Ort liegt in einem finsteren Talgrund; am Ortseingang befindet sich ein finsterer, aus der Zeit gefallener NORMA-Markt, an dem Edgar Allan Poe seine helle Freude gehabt hätte. An dem Markt vorbeizufahren, heißt, das Ende der Welt erreicht zu haben, das eben nicht in Sibirien liegt, sondern in Piesau.

Man hat hier den Seestern vollständig überquert und die Saalfelder Höhe bereits wieder verlassen. Von Schmiedefeld aus ist man steil hangabwärts gefahren. Das liegt daran, daß der Seestern aufgrund der tiefen Zertalungen in beinahe keinem Zusammenhang mit dem Hauptstock des Schiefergebirges steht, dem er gleichwohl zugerechnet wird. Er ist zur selben Zeit entstanden, besteht aus demselben Gestein. Aber nur an einer Stelle, im Süden von Schmiedefeld bei Taubenbach und Lippelsdorf, befindet sich ein Verbindungsgrat, ein direkter Übergang von der Hochfläche zum Gebirge. Und die Bundesstraße, die sich bisher an der Höhe orientiert hat, am aufgewölbten Rücken des Seesterns, die Talkerben umrundend, muß nun, da sie auf direktem Wege auf die Rennsteighöhe nach Neuhaus will, durch den tiefen Einschnitt des Flusses Lichte hindurch, an dessen Zufluß Piesau das gleichnamige Dorf liegt. Der Bus macht, um das abseits der Bundesstraße gelegene Dorf zu bedienen, eine Schleife und fährt also zwei Mal an dem NORMA-Markt vorbei. Die einst für eine Bäckerei, einen Zeitschriftenladen vorgesehenen Nebenräume sind schon lange verbarrikadiert, die milchigen Fensterscheiben wie Glaskugeln, in denen keine Vergangenheit erscheint.

In Piesau brachte ein »Typ« seine »Alte«, die ein Kinderfahrrad mit sich trug, zum Bus. Beide trugen schwarz. Sie stiegen hinten unter lautem Gepolter und lustigem Geschrei ein, um das Fahrrad zu platzieren; er stieg dann wieder aus, und sie – wie alt? Zwanzig? Vierzig? – setzte sich ganz nach vorne, neben die Busfahrerin. »Ist das Heavy Metal?« wollte sie wissen. Auf meinem Platz weiter hinten hatte ich im Busgeräusch nicht mitbekommen, daß vorne Musik lief. Die sehr freundliche Busfahrerin mußte die Frage bejaht haben, denn die »Schwarze« (schwarzgefärbt nämlich auch die Haare) rief jetzt: »Metallica find ich voll geil!« »Metallica mag ich nicht so«, erwiderte die Busfahrerin, woraufhin die »Schwarze« nach kurzer Verlegenheitspause mehr zu sich selbst als zur Busfahrerin sagte: »Metal find ich voll geil.« Müdigkeit kam auf; der letzte Satz war bereits wie im Halbschlaf gesprochen. Oder war es der eigene Halbschlaf, der es mich so wahrnehmen ließ? Sinnlos, dagegen anzukämpfen.

Im nach dem Fluss benannten Dorf Lichte ist die Talsohle durchquert, und es geht wieder steil bergauf, bis die 800 Höhenmeter erreicht sind, auf denen Neuhaus am Rennweg liegt. Ankunftsgefühl. Gleich an der ersten Haltestelle »Brandweg«, ganz am Rand gelegen, stieg ich aus. Auch hier ein NORMA, auf freier Höhe mit Aussicht, renoviert, hell, groß und neu – das Gegenstück zu dem im finsteren Tal. Wie schrecklich robust und haltbar diese Metal-Shirts sind, dachte ich. Aber auch sie sind erfahrungsgemäß nicht für die Ewigkeit gemacht; es wird der Tag kommen, an dem man sie durch unbedruckte wird ersetzen müssen. Das wird sehr unauffällig vonstatten gehen. Ich sehe sie schon, die neuen: ein »Multipack« vom NORMA, in weiß, rot, grün, blau und schwarz, fünf Stück für elf fünfundneunzig. Metal-Shirts? Nie getragen sowas!

Dann noch anderthalb Stunden Fußweg nach Deesbach. Ganz klare Abendluft wie meistens; gewiß fünf oder sechs Grad weniger als unten in Saalfeld; goldenes Licht. Daheim hatte bereits der Juli-Dreiklang begonnen: am Himmel das Kreischen der Mauersegler, in den Wiesen das Zirpen der Grillen, in der Weißtanne das Sausen der Schwebfliegen. Hinter der Schanze sah man den Rauch der Brände, aber der Wind trug ihn in die andere Richtung, bis weit nach Oberfranken hinein.