Anfang Juli 2025 — Um den Monatswechsel in der schönen, kräftigen, beinahe unwirklichen Hitze verschiedene Autofahrten mit D. durch Thüringen. Immer dabei: der feine, kluge Langhaardackel B. (Namen von Freunden kürze ich ab, um ihnen nicht das Gefühl zu geben, »verwertet« zu werden, und um mir selbst nicht als literatenhafter »Verwerter« vorzukommen; — wenn ich aber auf Menschen diese Rücksicht nehme, haben es nicht auch die edlen Tiere verdient?) …
Ziel waren verschiedene Gartenhäuser und Pavillons, die zu fotografieren und zu beschreiben D. sich zur schönen Tat gemacht hat. Und bei der Gelegenheit wurden auch die in Thüringen so reich sprudelnden Heilquellen probiert und in Gebrauch genommen. In der Vergegenwärtigung von Historischem erschließt sich Thüringen, um das ich früher immer einen Bogen gemacht habe, und das mir deshalb noch immer Neuland ist, allererst als »Gegend«, als eigenständiger Raum, der zurecht ein eigenes Bundesland geworden ist. Denn rein landschaftlich gesehen ist diese Perspektive nicht zwingend. Könnte das Eichsfeld nicht auch ganz zu Niedersachsen gehören? Sind die Übergänge nach Sachsen-Anhalt nicht so fließend, daß man immer erst überlegen muß, zu welchem Land denn nun Zeitz, Naumburg, Bad Sulza oder Kösen gehören? Befindet man sich um Altenburg nicht schon in der Leipziger Tieflandsbucht, und ist im Vogtland, wo die Schwarze Elster fließt, also auch in Gera, nicht generell schon Sachsen? Sollte südlich des Rennsteigs nicht der Dialekt über die Landeszugehörigkeit bestimmen, unabhängig von der Frage, ob Franken nun zu Bayern gehören muß? Und spricht man in Teilen der thüringischen Rhön nicht schon das weiche Hessisch der Meißnergegend? Ist das preußische Erfurt nicht sowieso Fremdkörper? Aber eben diese von den Rändern bis tief in die Mitte wirkende Übergänglichkeit wird von der Mitte her auch selbst wieder durchwirkt: denn unmöglich wäre, das Innere des Thüringer Beckens, den Lauf der Unstrut, den Ettersberg und Weimar, aber auch Rudolstadt und das Schwarzagebiet einem anderen Bundesland zuzuschlagen. Und diese Anordnung um eine starke Mitte herum ist in der Nord-Süd-Aufteilung des Fürstentums Schwarzburg-Rudolstadt wie symbolisch enthalten …
Sommerbilder, die sich eingeprägt haben (denn darauf kommt’s an): Fahrt nach Altenburg über enge Straßen durch kleine Dörfer »am Rand der Welt«, alles sehr an die mittelsächsischen Dörfer erinnernd, die ich 2017 und 2018 von Leipzig aus durchwanderte. Erzgebirge in der Ferne bereits sichtbar, Chemnitz ahnbar. Altenburg ganz so, wie ich es in Erinnerung hatte: so riesig, daß die zwar vorhandenen Menschen es kaum schaffen, die Stadt bewohnt erscheinen zu lassen. Ein barockes, die Gegenwart verschlingendes Getüm, das daher so anders ist als all die anderen Städte, in denen immer nur die Vergangenheit von der Gegenwart verschlungen wird. Der Friedhof im Vollschatten alter Bäume und so riesig wie die Stadt selbst; Reihen neuer Pflanzungen deuten darauf hin, daß der bewaldete Charakter erhalten bleiben soll. Auf dem Schloßberg dann ein kleiner Pavillon, den ich nicht in Erinnerung hatte: als Gartenhäuschen direkt an die Schloßmauer gebaut, vom Aufgang aus gesehen zauberhaft aus hohem Gras ragend, hinter Obstbäumen. Im Park das von 1706 bis 1712 erbaute Teehaus (das ganze 18. Jahrhundert noch vor sich) von gigantischen Winterlinden in voller Blüte umstanden; in den großen Fenstern spiegelte sich der Himmel, als sei das Haus eigentlich in den Himmel gebaut. Und der Innenhof des Schlosses dann, mit seiner rosenberankten Reihe von Gebäuden aus allen Epochen, mit der Romanik beginnend, in den märchenhaften Schlaf des heißen Spätnachmittags versunken …
Linden, Linden auch in Bad Berka. Das ganze Land ist dieser Tage in Lindenduft getaucht. Berka als Stadt wie nicht vorhanden – sondern nur Park, in den die Buntsandsteinwälder hereinschauen, und zu dem der Goethebrunnen mit dem strahlend weißen Pavillon hinleitet …
Am heißesten und blauesten dieser Urlaubstage – ein ganz unwahrscheinliches tiefes Blau – fuhren wir in Richtung Eisenach. Wie der Thüringer Wald sich hier als tannenwipfelbestandene Felsterrasse in einen »großen hellen Norden« schiebt, hat etwas Thulehaftes oder auch etwas Uralhaftes. Ein Ural en miniature. Gar nicht so schön hingegen die Westseite: Blick vom verkitscht-neugotischen Schloss Altenstein hinab auf den Teller der platten, drögen Werraebene (die Werra gewinnt immer nur dann Schönheit und Charakter, wenn sie sich durch ein Gestein zu graben und zu bohren hat). Famos das Quellwasser in Bad Liebenstein: salzig-schwefelig, reich und samtig. Der Quellpavillon steht direkt neben der stark befahrenen Hauptstraße und wird von niemandem frequentiert – die Leute sitzen lieber im Straßencafé auf Plastikstühlen und trinken ihre Cola. Und dann noch etwas Herrliches: in hohem Gras, zwischen verzauberten Tannen das Schloß Wilhelmsthal neben der Bundesstraße kurz vor Eisenach mitten im Walde gelegen. Ein richtiges Dorf halb verfallener Gebäude, deren Verfall jetzt, wie es scheint, aufgehalten wird mit Geldmitteln, welche aber hoffentlich, hoffentlich nicht ausreichen werden, um die dort wohnenden Gespenster zu vertreiben und dem Orte weißgetüncht-sanierte Gestalt zu verleihen …