28. Juni 2025 — Jetzt beginnt der Vollsommer; schon am frühen Morgen große Hitze, erschlagend und stärkend (beides zugleich). Hinaus, um für ein paar Tage D. in Rudolstadt zu besuchen. Nichts Schöneres, als im »Fremdlings-Reisetritt« von zu Hause loszugehen, in kräftigem, nach Wald und Blumen duftendem Wind. Alles ist in tiefe Bläue getaucht, bei vollkommener Klarheit wie selten; kein Rest von Dunst in der Luft. Hinüber ins Nachbardorf Cursdorf, wo die Bergbahn fährt, und das heißt nun: die Wasserscheide zwischen Horbach und Weißer Schwarza überquerend. Haben wir vorgestern das südöstliche und gestern das nordöstliche Fenster ins Land beschrieben, so öffnet hier sich das westliche. Aber es ist gar kein Fenster, sondern eine freie Höhe vor einer großen Weite; kein Blick in eine kleinräumige Kammer, sondern das Betreten eines Großraums, der indes gleichfalls als ganz in sich abgeschlossen erscheint.
Der gesamte mittlere Rennsteig bietet sich dar: von Neuhaus bis zum Massiv um den Großen Beerberg und den Schneekopf, dessen Turm gut zu erkennen. Herrlich das Wissen, daß von dort die Wilde und die Zahme Gera hinabrauschen, auf Arnstadt und Erfurt zu. Der Rennsteig aber ist keine gerade Linie, sondern erscheint in zwei Ausbuchtungen, so daß es ist, als blicke man über eine riesige Meeresbucht hinweg (mit Masserberg als direkt gegenüber liegendem Hafenort). Die vordere Ausbuchtung liegt uns zu Füßen und enthält, eingerahmt von der Hettstädt und der Meuselbacher Kuppe (also doch: ein Fenster!), mehrere Hügel, auf deren Grate und Kuppen wir hinabblicken, als säßen wir im Hubschrauber oder hätten eine künstliche Miniaturlandschaft vor uns. Zum Eindruck des Künstlichen trägt bei, daß der unterhalb der Hettstädt als lange Zunge sich talwärts schiebende Rosenberg im braunen Erdkleid seiner frischen Rodung erscheint, und mehr noch, daß er von einer mathematisch geraden, ebenfalls braun schimmernden Linie überragt wird: dies ist die Außenansicht des in großer Höhe errichteten Oberbeckens der Talsperre Goldisthal. Ein sowjetisches Gemälde.
Die Talgründe bleiben auch hier verborgen, nirgends wird eine Tiefebene sichtbar, alles ist ein Spiel der Höhe und der Höhenlinien. Am ehesten wird bei Großbreitenbach, der größten Ortschaft des Bildes, »in mittlerer Entfernung«, die Nähe einer breiteren Talung ahnbar: die des Flusses Rinne. Großbreitenbach liegt zwar über dem Talabschluß auf einer Anhöhe, zugleich aber, von hier oben betrachtet, in einer Kerbe, die fühlbar zwei Landschaften trennt: den eigentlichen Thüringer Wald und »unser« Schiefergebirge. Die Kerbe wird überragt von einem der in West-Ost-Richtung quer zum eigentlichen Gebirge streifenden »Langen Berge«, auch dieser hier nur den seine äußerliche Gestalt beschreibenden Namen tragend. Er trennt die vordere von der hinteren Kammer der Bucht und will in seiner schmucklosen Sprödigkeit gar nicht so recht in die Gegend passen, mutet in seiner Sarg- oder Truhenhaftigkeit eher deisterhaft-niedersächsisch an, mit großen Ackerflächen, die sich bis hoch an den Waldrand ziehen. Dahinter liegt Langewiesen, wo Heinse geboren wurde, den man sich nie und nimmer als Thüringer vorstellen kann. Wäre der Lange Berg nicht, so wäre sogar Ilmenau Teil des Blickfeldes, und nach Einbruch der Dunkelheit würden uns, was bekanntlich ein schöner Anblick ist, aus der Ferne die Lichter einer Großstadt grüßen. Doch diesen Vorzug gewährt die Gegend nicht; es ist wirkliches Nachtland, wo die Dörfer ihre Beleuchtung der tiefen Schwärze des Waldes abringen müssen.
Umso strahlender die Lichter in der Bläue des Sommermorgens: die der weißen, gelben und violetten Blumen am Wegrand. Und auch das Junigrün der Bäume reines, zauberhaftes, ins Silberne gleitendes Spiel des Lichts. Wir sprechen hier nicht von den frischen, in diesem Jahr auffallend üppigen Trieben der Fichten und Tannen. Denn überall, wo die Lichtungen der Bergwiesen sich öffnen, verliert sich der Charakter des reinen Nadelforsts, und andere Baum- und Straucharten treten in Einzelexemplaren und Gruppen hervor, in schöner, verwunschener, oftmals irrgartenhafter Anordnung. Es sind vor allem Eberesche, Birke, Bergahorn und Schwarzerle, aber auch Gemeine Esche, Salweide, Haselnuß und Heckenkirsche. Der heiße Wind bewegt ihre herrlichen Formen, und zugleich sind sie in der tiefen Bläue erstarrt wie in einem Schreck. Es ist ein schwer definierbarer Reiz, durch ihr Geäst hindurch in die Ferne zu blicken; als wäre man einer der ihren und stünde fest in unvergänglicher Vorzeit.