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Wir sind die Äußersten. Traumprosa

Timo Kölling: Wir sind die Äußersten (Cover)


Im Februar 2018 ist erschienen:

Timo Kölling
Wir sind die Äußersten
Traumprosa

132 Seiten
Taschenbuch
Eigenverlag via BoD Norderstedt
ISBN 978-3-74600-74-0
EUR 18,00

Das Buch ist bei BoD, bei Amazon und überall im Buchhandel erhältlich.


Über das Buch:

Gewohnt, nach dem Aufstehen seine Träume zu notieren, legt Timo Kölling sein zweites Traumtagebuch nach »Das Wissen der Schwalben« vor. Es enthält 134 Traumnotate aus den Jahren 2012-2017 sowie ein literaturtheoretisches Nachwort »Sprache und Traum«, das die Form des Traumnotats als Ort der Sprachlichkeit selbst interpretiert: »Wer träumt, spricht; wer spricht, träumt.« »Wir sind die Äußersten« – der Buchtitel ist ein Nietzsche-Wort, das in einem der geschilderten Träume zu des Traum-Ichs eigenem wurde.

Traumstoff (2. Januar 2012)
Während es Abend wurde, ging ich durch einen Wald. Ich erwartete, ohne daß dieser Erwartung Furcht beigemengt gewesen wäre, bald nichts mehr sehen zu können; aber je dunkler es wurde, desto heller begannen die Bäume in verschiedenen Farben zu leuchten wie Lampen, in gelb, rot, grün und blau. Auch andere, bewegliche Lichter tauchten auf wie Glühwürmchen. Dann gewannen die Lichter an Größe, wuchsen ins Riesenhafte und wurden zugleich stofflicher; es waren keine Glühwürmchen und keine leuchtenden Bäume mehr, sondern viele Vorhänge wie an Gardinenstangen oder Wäscheleinen befestigt. Um vorwärts zu kommen, mußte ich mich durch diese dicken Vorhänge schieben, die noch immer stofflicher zu werden schienen, eine noch immer dichtere Materialität und jetzt auch Schwärze gewannen – eine Schwärze von gleichsam lichthafter Qualität, leuchtend wie alle die anderen Farben von vorhin. »Wie Wasser«, hörte ich mich sagen, und in diesem Augenblick erschrak ich, weil ich erkannte, daß die Vorhänge nichts anderes waren als der Traum selbst, der Traumstoff. Dann schob jemand, oder war ich es selbst?, die Vorhänge auseinander, und dahinter befand sich in undurchdringlicher Nacht, in einer Schwärze von jetzt ganz lichtloser Art, eine ihr Haupt aufreckende, gelb leuchtende Schlange, die indes nicht auch nur den geringsten Teil des sie umgebenden Geräums erhellte.


Sprache und Traum (Nachwort) | S. 125 – 132:

Je länger einer sich darin übt, seine Träume aufzuschreiben, desto zwingender wird sich ihm die Anschauung aufprägen, daß Traum und Sprache voneinander nicht zu trennen sind, und desto unvollziehbarer wird ihm die gegenteilige Anschauung werden, daß Traum und Sprache zwei unterschiedlichen Sphären angehören sollen, etwa jenen, die wir in der Tradition des Deutschen Idealismus das »Unbewußte« und das »Bewußte« zu nennen gewohnt sind. Die unentwegte Reflexion auf das Selbst in seinen träumenden und seinen wachen Zuständen wird einen bestimmten Punkt erreichen, an dem es zu einer selbstverständlichen Tatsache wird, daß das Bild, das wir uns von uns selbst und der Welt machen, im selben Umfang vom Traumleben mitbestimmt wird, wie in unsere Art und Weise, zu träumen, die Erlebnisse, Erfahrungen und Konfigurationen des Wachlebens hineinwirken. Physiognomisch betrachtet, sind Traumnotate immer eine Verschriftlichung dieses unauflöslichen Zusammenhangs.

Es wäre allerdings falsch, zu behaupten, daß sie darin ihre Rechtfertigung besitzen. Traumnotate bedürfen keiner Rechtfertigung. Träume sind überaus selbstherrliche Gebilde, und diese Selbstherrlichkeit ist der Grund, weshalb die Urheber der Notate, eingedenk des physiognomischen Aspekts, den wir auch einfach den sprachlichen nennen können, sich regelmäßig auffallend spröde gegen jedwedes psychologische oder literarische Interesse oder Desinteresse verhalten. Mögen Traumnotate zwar psychotherapeutischen Zwecken zu dienen imstande sein und immer wieder gedient haben, so brauchen sie es doch nicht, und keineswegs definiert es sie. Sie auf einen solchen Zweck und Dienst verpflichten zu wollen, wäre ebenso verfehlt, wie der gegensinnige Vorwurf einen Urheber von Traumnotaten selbstverständlich kaltläßt, seine Hervorbringungen seien seelische Innereien, mit denen man die Mitmenschen gefälligst nicht zu belästigen habe. Und mit der literarischen Interpretation verhält es sich nicht anders. Einen [S. 125 | 126] literarisch beflissenen Leser, den der bloße Gedanke an Traumaufzeichnungen derart langweilt, daß er jeden Regionalkrimi eher in die Hand nehmen wird als ein mit dem Untertitel »Traumprosa« versehenes Buch, braucht der Sinn des Traumtagebuchs so wenig zu interessieren, wie dieser Sinn andererseits höchst geeignet ist, sogar ausgesprochene Liebhaber von Traumtagebüchern zu befremden, nämlich dann, wenn sie es – legitimerweise – deshalb sind, weil sie ästhetischen Genuß aus der surrealistischen Art ziehen, wie der Geist, wenn er träumt, Geschichten konstruiert. Auch hier haben wir es zwar mit einer reellen (und schönen) Möglichkeit, nicht aber mit einer Definition des Sinns zu tun. Wer einen Traum notiert, will nicht eine Geschichte erzählen – dies geschieht, wenn es denn geschieht, eher nebenbei und sozusagen zufällig –, sondern ist – Vorsicht, jetzt wird es pathetisch! – an der Wahrhaftigkeit der Wiedergabe interessiert, die sich im Traumnotat als conditio sine qua non des präzisen sprachlichen Ausdrucks erweist.

Meine Behauptung, mit der ich mich vielleicht eher als Ethiker denn als Ästhetiker zu erkennen gebe – sei’s drum! –, ist, daß man einem Traumnotat in aller Regel anmerkt, ob es sich bei ihm um die Verschriftlichung eines tatsächlich geträumten Traums oder um eine als Traum deklarierte erfundene Geschichte handelt. Immer wieder hat es Schriftsteller und Kritiker gegeben, die die angebliche Nichtswürdigkeit und den Unwert von Traumaufzeichnungen gerade darin erblicken wollten, daß das breite Publikum in der Regel kein großes Interesse für die Unterscheidung von Wirklichem und Erfundenem, von Wahrheit und Lüge aufzubringen vermag. Und gewiß stimmt das auch; man könnte sagen: wie in der Politik, so in der Literatur! Genannte – bzw. ungenannte, denn Beispiele zu nennen, können wir uns hier ersparen – Schriftsteller und Kritiker haben sich darüber lustig gemacht, daß Autorenkollegen mit Träumen jonglieren, von denen sie nicht ansatzweise beweisen oder auch nur glaubhaft machen können, daß sie sie auch tatsächlich geträumt haben. Zu welchem Zweck wird einer sich Träume ausdenken? Doch wohl, um sich als Wichtigtuer zu betätigen, zum Teilhaber geheimer Offenbarungen zu stilisieren und [S. 126 | 127] der Phantasterei Tür und Tor zu öffnen! Der zentrale Vorwurf lautet auf Faulheit. Wer einerseits als Literat auftrumpfen möchte, andererseits die harte Arbeit an der Fiktion scheut, welche ihrem Namen erst dann gerecht wird, wenn sie die Komplexität des Reellen – der unergründlichen Lebensdinge – einholt und versinnbildlicht, kann es sich, diesem Urteil zufolge, einfach machen, indem er das Fragmentarische, gegen Vollkommenheit sich Sperrende seiner armseligen Traumgeschichtchen damit rechtfertigt, daß er sie eben so und nicht anders — geträumt hat. Diese ganze Argumentation ist natürlich Unsinn, klingt aber, mit Entschiedenheit vorgebracht, so bestechend, daß tatsächlich Traumdiaristen darob in ein schlechtes Gewissen und in der Folge auf ein falsches Gleis geraten sind. Sie waren schwach genug, sich von den Besserwissern und Geschmäcklern einreden zu lassen, das Trümmerfeld ihrer Träume biete einen zu unansehnlichen Eindruck, um unverfälscht den kennerischen Blicken des anspruchsvollen, nach spannenden Geschichten dürstenden, längst nicht mehr mit jeder Trivialität sich zufriedengebenden Publikums ausgesetzt zu werden. Und so ist denn zu Kompensationszwecken eine Form des Traumtagebuchs aufgekommen, die die heilige Disziplin der einfachen und nüchternen Schilderung des Geträumten mit den gänzlich sachfremden Ansprüchen des Geschichtenerzählens konfundiert hat, als käme es auf beeindruckende »Plots« und »Storylines«, ja auf die Entfesselung eines Wettkampfs der Skurrilitäten an. Diese Form bzw. Unform des Traumtagebuchs hat, meine ich, unsere geliebte Textgattung, hat die Sache der Traumprosa ernsthaft und unnötig in Mißkredit gebracht.

Dazu beigetragen hat der Gebrauch eines meiner Ansicht nach besonders abscheulichen und irreführenden Wortes, nämlich des Wortes »Traumprotokoll«. Wenn ich mich nicht irre, kommt dieses Wort aus der Zeit, als Naturalismus, Expressionismus und Surrealismus ihren berechtigten Protest gegen Ästhetizismus, Historismus und Klassizismus anmeldeten und dem literarischen Schreiben neue Möglichkeiten erschlossen, etwa, indem sie es – unter anderem – nach dem Modell positivistisch-szientifischer Erkenntnis konzipierten. Auf [S. 127 | 128] diese Weise wurde modisch, was wir eine spezifische Protokollromantik nennen können: der Schriftsteller verstand sich als Protokollant der Wirklichkeit in einem umfassendsten Sinne. Und es konnte nicht ausbleiben, daß gerade die Sphären des Traumes, des Rausches, des Okkulten herangezogen wurden, um der Literatur, sozusagen, einen eigenen szientifischen Erkenntnisbereich und eine neue Form der Autonomie zu sichern. Das alles ist viele Jahrzehnte her und könnte als interessantes Kapitel der Literatur- und Geistesgeschichte belächelt werden, wenn damals nicht ein unangenehmes Pathos freigesetzt worden wäre, dem die Literaten bis heute frönen. Wenn wir, um ein Beispiel zu nennen, Walter Benjamins berühmte »Haschischprotokolle« heute kaum mehr lesen können, ohne die Lektüre von einem leisen Gefühl der Peinlichkeit begleitet und beschattet zu finden, so liegt das nicht eigentlich an Benjamins Texten, an deren literarischer, historischer und philosophischer Bedeutung es nichts zu rütteln gibt, sondern daran, daß wir der Entstehung eines erst später voll zum Zuge gekommenen Schreibstils beiwohnen, den ich – es sei hier verraten – den Literaturinstitutsbürschchenstil nenne. Man könnte ihn aber auch den Schlafwandlerstil nennen. Dieser Stil ist dadurch gekennzeichnet, daß, wann immer das Wort »ich« fällt (Benjamin vermied den Gebrauch dieses Wortes, aber gerade die ostentative Meidung war, meine ich, ein kritisches Signal), es so klingt, als wäre dieses Ich ein sich selbst vollkommen unbewußtes und müsse deshalb von einem zweiten, bewußteren, einem Zwillings- und Engel-Ich begleitet werden, welches dem ersten und eigentlichen Ich zum stets richtigen Zeitpunkt alles das einflüstert, was es benötigt, um sich so somnambul wie kenntnisreich durch die ihm gehörende Welt zu bewegen. Die Masche dieses Ich ist es, so zu tun, als ob es zu sich selbst in kein anderes Verhältnis treten könne als das der Vermutung, der Ahnung, der beständigen Überraschung. Egal, was die Schlafwandler oder Literaturinstitutsbürschchen schreiben, und selbst dann, wenn sie den Irrationalismus ablehnen, alles eher zum Gegenstand machen würden als Träume und sich im ganzen überaus handfest-gesellschaftlich-konkret zu geben wissen – es geschieht (ich komme zum Punkt) im Ton von »Traumprotokollen«. Ein »Traumprotokoll« ist geschrie- [S. 128 | 129] ben, als hätte sich das Autor-Ich während der gesamten Traumzeit auf seinem Beobachterposten – einer Art Jägerhochsitz am Rande der Traumbühne – befunden und in Echtzeit das Geschehen zu Papier gebracht. Das bestimmende Stilprinzip solcher »Protokolle« ist die Gegenwartsform. Das heißt natürlich nicht, daß jedes im Präsens verfaßte Traumnotat ein »Protokoll« im gemeinten abscheulichen Sinne des Wortes ist. Es gibt Stilentscheidungen, die wirklich nur dies sind: Stilentscheidungen. Als solche sind sie immer respektabel, und es gibt keinen Grund, einem Schreibenden in diese physiognomischen Fragen (die es letztlich sind) hineinzureden. Nicht allein gibt es wunderbar gelungene Traumaufzeichnungen, die im Präsens verfaßt sind, sondern es gibt sie sogar unter der Überschrift »Traumprotokolle«, ohne daß den Verfassern dieser »Protokolle« (die keine zu sein brauchen, nur weil sie so heißen), zum Zeitpunkt der Titelvergabe bewußt war, was sie ihren Aufzeichnungen damit antaten, und welch schlimmem Verdacht sie sie aussetzten.

Ich selbst bin der Ansicht, daß Traumnotate stets in der Vergangenheitsform verfaßt werden sollten. Jeder Traum, den wir aufschreiben können – sonst nämlich könnten wir’s nicht –, ist ein erinnerter Traum. Es gibt keinen Grund, das Moment der Erinnerung, die immer eine unvollkommene Erinnerung ist, zu kaschieren. Erst recht gibt es keinen Grund, dem Leser die Annahme eines »luziden Traum-Ichs« zuzumuten, welchem die Erinnerungsarbeit sozusagen unwürdig ist, da es ja, so die implizite Behauptung, von Anfang bis Ende hellwach und »protokollierend« dabei gewesen ist. Ohne dieser Tendenz zwangsläufig erliegen zu müssen, neigen gerade die im Präsens geschriebenen Traumnotate dazu, den mit der »protokollarischen« Form erhobenen Präzisionsanspruch mit Pauken und Trompeten zu unterbieten. Der geübte Leser – und vielleicht nicht allein der geübte – merkt sofort, ob eine Schilderung der Traum-Logik folgt und diese selbst zur Entfaltung bringt, oder ob Interpretationen, Lehren, Ausschmückungen und allgemeine Erzählelemente hinzugetreten sind, welche das Traumgeschehen sowie die Brüche und Erinnerungslücken, in die es eingesenkt ist, überlagern und schwächen. Man hat [S. 129 | 130] keinen Traum aufgeschrieben, wenn man das Traum-Ich von Anfang an Dinge wissen läßt, die es innerhalb des Traums gar nicht wissen konnte oder erst im Verlauf bzw. am Ende des Traums gewußt hat.

Eine diesbezügliche Schwierigkeit soll an dieser Stelle nicht nur nicht verschwiegen, sondern als wichtiges, ja zentrales Stilprinzip prominent gemacht werden. Dieses Stilprinzip ist nicht als »Vorschrift« mißzuverstehen, sondern ist einfach das, was der Traumdiarist immer schon tut, wenn er gewissenhaft seine Sache erledigt. Und zwar handelt es sich bei genannter Schwierigkeit um den eingangs bereits erwähnten Sachverhalt, daß der Traum sich nicht trennen läßt von seinem sprachlichen Ausdruck, daß es keine Möglichkeit ihrer logischen Unterscheidung gibt. Selbst wenn wir nicht für sämtliche Elemente eines Traums die angemessenen Wörter finden, und wenn unsere Wiedergabe uns selbst als ein kläglich blasser Spiegel erscheint – eher als Schändung des nächtlichen Schatzes denn als dessen Bergung –, so ist andererseits der Traum doch kein Reservoir des Vorsprachlichen. Wir träumen, streng genommen, nicht etwas und schreiben es dann auf, sondern machen schreibend die Schrift des Traums sichtbar und »stellen sie her«. Der Vorgang ist tatsächlich ein malerischer, dem Auftragen der Farben auf die Leinwand vergleichbar. Vielleicht kann ein Schreibender der Art und Weise, wie ein Maler arbeitet, gar nicht näherkommen als im Aufschreiben seiner Träume. Denn weder ist das Bild des Malers die »Umsetzung« eines schon feststehenden und vorliegenden Urbildes, das er bloß noch »abzumalen« hat, noch stellt sich das Bild erst im Malprozeß »suchend« her, ohne daß es eine anfängliche Vision, ein inneres Raumbild gegeben hätte. Träume sind Raumbilder. Es ist zu vermuten, daß Sprache und Traum in letzter Wurzel, der des Raumbildes, identisch sind. Was wir träumen, und zwar in jedem Traum träumen, sofern er Traum ist, sind die Sprache und die raumbildliche Entstehung des Sprachlichen selbst. Was den Traum definiert, ist also weder das Psychologische noch das Literarische, sondern der Raumbild- und Sprachcharakter, der als Stilprinzip bedingt, daß die erinnernde Wiedergabe des Traums immer auf der Grenze steht zwischen der im Traum selbst artikulierten Sprache (im [S. 130 | 131] Traum Gesagtes, Gedachtes, Gewußtes, Wahrgenommenes, irgendwie Ausdrücklichgewordenes) und jener Sprache, die wir im Aufschreiben erst finden müssen, um das spezifisch Atmosphärische des Traums, seine Stimmungen, Ahnungen, Mutungen, all das mitschwingend Vage und Hintergründige einzufangen.

War oben die Rede davon, daß wir die Traumschilderung nicht mit Interpretationen, Lehren, Ausschmückungen und Erzählelementen versehen dürfen, welche im Traum selbst nicht vorkamen, so ist andererseits jetzt festzuhalten, daß wir einen Traum in der Regel gar nicht aufschreiben können, ohne uns in jene Gefahr zu begeben. In der Form des Traumnotats, wenn sie gewissenhaft geübt wird, ist ununterscheidbar, ob es der Traum ist, der in die Sprache, oder die Sprache, die in den Traum eine Schneise schlägt. Wichtig ist, daß das, was bloßer Zusatz ist, als Zusatz kenntlich bleibt. Die Frage der »Wahrhaftigkeit« ist deshalb so wichtig, weil die Sprache, will sie nicht automatisch der Sprachlosigkeit, dem Selbstverlust, ja der Selbstaufgabe verfallen, präzise werden muß, sobald sie sich an etwas entzündet, dem das Subjekt nicht als von vorneherein freies, souveränes, auswählendes zu begegnen vermag. Wenn das »Amt« des Traumdiaristen – dem einen zur Freude, dem anderen zum Schrecken – sich nicht ohne die Bereitschaft zu einer gewissen inhaltlichen Schamlosigkeit ausüben läßt, so findet also auch diese Eigenart ihre Begründung rein im Sprachcharakter. Es wäre ja lachhaft, eine geistige Physiognomie verbergen zu wollen, die ohnehin im Sprachlichen offen zutage tritt. »Wir Immoralisten!«, können wir mit Nietzsche ausrufen und uns mit einiger Verwegenheit als Zelebranten einer »Magie des Extrems« fühlen, welche indes, wie jeder bloße Wille zur Wirkung, in der Wirkungslosigkeit verpuffen würde, wenn es ihr nicht gelänge, sich in das sanfte Gesetz der Gestaltsamkeit zu kleiden. Der Gang der Sprache ist dieses sanfte Gesetz. Wir treffen diesen Grundzug bei manchen Romanciers wieder, in deren Büchern nur deshalb soviel geschehen kann, weil das Geschehen, sobald es von der Sprache erweckt ist, an Bedeutung verliert. Es tritt zurück hinter der Art und Weise, wie es beschrieben wird. Nur ein Träumer, das ist klar, konnte einen Roman [S. 131 | 132] wie die Strudlhofstiege schreiben, aber am Ende wird die Gesellschaft, wird die Menschenwelt, wird unsere ganze Gattung des ins Zerebralschwachsinnige hinein verlängerten Protoschimpansen ohnehin nur aus Träumern bestanden haben.

Ich kenne niemanden, der kein Träumer ist, auch wenn manche dieser Träumer sich nie an ihre Träume erinnern oder tatsächlich nachts nicht träumen. Träumend aber bewegen sie sich durch die Welt, weil man sich gar nicht anders denn träumend durch die Welt bewegen kann. Wer spricht, träumt schon; man kann nicht anders sprechen als träumend. Oder glaubt ihr etwa, das Wissen der Dichter, daß das Leben ein Traum ist, sei eine bloße Redensart? Sprechend, träume ich, was ich sage. Aber auch, daß du mir antwortest, die Klarheit und Eindeutigkeit des jeweils Gesagten, und daß wir uns derart verständigt haben und weiter verständigen können, sind Träume. Wir leben in der Sekunde vor dem Erwachen. Das Verhältnis von Sprache und Traum läßt sich erschöpfend so zusammenfassen: Wer träumt, spricht; wer spricht, träumt.

Das ist alles.

TK, im Februar 2018


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