Das leere Herz des Gesetzes

DAS LEERE HERZ DES GESETZES
Über Tradition, Askese und ein Wort von Wilhelm Heinse

(Aus: Herzlandschaft. Zwei: Schwalbengeräum, S. 21-26)

Herzlandschaft2_Cover

Christentum ist Askese. Es ist nicht ohne den Geist der Weltablehnung zu haben, der mit einer vertieften Schöpfungs-Innigkeit weniger zusammengeht, als dass beide ein ursprüngliches Ganzes in mystischer Gezweiung formen. Gewiss, nicht jeder Christ ist Asket und braucht es zu sein. Aber ohne den Horizont der Askese, ihre dauernde Möglichkeit in allen Verhältnissen, durch alle Verhältnisse hindurch, gibt es die Tradition nicht, die wir die christliche nennen. Die äußere oder innere Zelle, in die sich der Asket zurückzieht, ist das Kraftfeld seiner ganzen Religion. Die christliche Tradition ist asketische Tradition.

Für den Christen ist Askese also nicht eine Möglichkeit neben anderen. Sie gehört gar nicht, wie eines der modernen Vorurteile lautet, rein der praktischen Sphäre an, sondern ist eine erkenntnistheoretische Konfiguration, die tiefer reicht als das Leben, dessen verkehrte (gekreuzigte) Ordnung es ist, sich als in jener begründet zu erfahren. Askese ist, erkenntnistheoretisch gesprochen, die Möglichkeit der Möglichkeit. Jede Möglichkeit, die von der Wirklichkeit, wie sie ist, sich abspaltet, steht zu dieser im Verhältnis der Askese, des Kreuzes, der Klesis. Christlich leben heißt: in der Möglichkeit leben, die die Wirklichkeit des Askese ist.

Es ist das unvergängliche Verdienst von Franz Overbeck, diese Wahrheit aufgerufen zu haben inmitten eines verbürgerlichten Jahrhunderts, dem neunzehnten, das sie längst wie absichtlich vergessen hatte. Wer das asketische Moment aus dem Christentum meint ausstreichen zu können, wird, so Overbeck in seiner »Streit- und Friedensschrift« von 1873, »zur absurden Consequenz gedrängt das Christenthum habe zuerst eine etwa fünfzehnhundertjährige Periode durchzumachen gehabt, in welcher seine eigentliche Lebensansicht von einer ihm ganz fremden verdrängt gewesen sei«. Worin besteht diese »Lebensansicht«, deren unversöhnlichster Gegner Overbeck gewesen ist? Es ist der Kult des Lebens selbst, der diese Ansicht definiert: die aus der Sakramentalisierung des Christentums und der Verbürgerlichung der Sakramente hervorgegangene Religion des Normalen.

Indem der Bürger – der heterosexuelle Eheschließer, Kindserzeuger und Werteverteidiger – sich selbst als Norm setzt, ist der Wettstreit über die Definitionen des Normalen eröffnet. Jeder will Teilhaber der bürgerlichen Norm und Inhaber der Definitionsmacht sein; das gilt erst recht, und wie von selbst, für all die Ausgegrenzten. Jetzt »gibt es« die Homosexuellen, und dabei bleibt es nicht – es wird noch vieles weitere geben, der Brunnen des Sexus ist tief. Und alle die Andersartigen werden, wenn ihre unbestreitbaren Rechte zur Norm geworden sind, die neuen Bürger als Normalitätsinhaber sein, und die alten werden sich als die abgehängten vorkommen, bis sie die geeigneten Mittel und Wege werden gefunden haben, als Hüter des Lebens und seiner Werte neu sich ins Recht zu setzen und die anderen, die nur ihnen nacheiferten, ins Unrecht. Indes: einen Standpunkt des Rechts gibt es hier gar nicht; die Krankheit des ganzen Prozesses ist zum Tode.

Solange die christliche Tradition lebendig war, gab es keine Normalität. Es gab die Irregularität des Lebens und den Schritt in die Askese (in die Möglichkeit). Eros ist der Gott oder Geist, unter dessen Schutz die Irregularität des Lebens stand; hier konnte jedes Antlitz für jedes in Liebe entflammen, und es ist bereits Askese (die Möglichkeit oder ihre erste Potenz oder Figur), was das Verhältnis der Liebenden zu jener wilden Irregularität bestimmt. Die Idee des Bundes bestimmt sich daraus. Liebe setzt die Ordnung des Natürlichen außer Kraft – das ist eine von den Formen des Eros und der Sexualität vollkommen unabhängige Wahrheit. Deswegen ist auch nicht, wie der Bürger und seine Theologie behaupten, Fortpflanzung der Sinn der Liebe; hier gilt das humorvolle Wort jenes unbekannten Autors, den Julius Evola zitiert: »Als Adam erwacht und Eva erblickt, ruft er nicht aus, was ein zeitgenössischer Senator ihm in den Mund legen würde: ›Siehe hier die Mutter meiner Kinder, die Priesterin an meinem Herd!‹«

»Es wäre unweigerlich lächerlich«, so Evola in Die Metaphysik des Sexus, »wenn man diesen ›Zeugungs‹-Faktor in Verbindung mit den Namen bringen wollte, die allgemein als die erhabensten Vorbilder der menschlichen Liebe angesehen werden, mit den großen Gestalten der Liebenden aus Literatur und Kunst, Tristan und Isolde, Romeo und Julia, Paolo und Francesca und den übrigen, in einer Geschichte mit glücklichem Ausgang und mit einem Kindchen, ja sogar mit einem Nest voll Kinderchen als Bekrönung. Über ein Liebespaar, das nie Kinder bekam, sagt eine Gestalt von Barbey d’Aurevilly: ›Sie lieben sich zu sehr. Das Feuer verzehrt und bringt nichts hervor‹. Als die Frau gefragt wird, ob sie nicht traurig sei, weil sie keine Kinder hat, antwortet sie: ›Ich will keine. Kinder sind nur etwas für unglückliche Frauen‹.«

Gilt schon für die menschlichen Dinge im allgemeinen, dass sich der Stand einer Tradition danach bemisst, inwieweit jene von dieser aus der Irregularität des Lebens in eine Ordnung initiatischer Signatur überführt werden, so gilt dies erst recht von der Liebe. Was hier zu sagen wäre, kann, so scheint es, in der Sprache des Christentums nicht mehr gesagt werden, weil diese seit ein paar Jahrhunderten nicht in den metaphysischen Kategorien aufgehoben, sondern bürgerlich neutralisiert ist. Die Köpfe stecken in den Schrebergärten des neunzehnten Jahrhunderts fest, und einzig auf diesem vollends neutralisierten Boden, der noch nirgends verlassen ist, können die liberalen und die reaktionären Standpunkte derart einander bekämpfen, dass sie, wie bereits Overbeck beobachtete, nichts zum Austrag bringen als die »Nichtigkeit ihres Gegensatzes«.

Für den Westler ist es ein absurdes, ja vollkommen unverständliches Wort, welches der russisch-deutsche Schriftsteller Fedor Stepun über Nikolai Berdjajew gesagt hat: »Als der böseste Verrat an dem Mysterium der Liebe erscheint ihm das begierdefreudige, staatlich geforderte und von der Kirche auch noch sakramental bejahte Institut der Ehe und Familie.« Es ist ein geniales Wort, weil es den gesamten Schein durchstößt, welcher zum Haus des Westens geworden ist. Es ist ein aus der asketischen Tradition heraus gesprochenes Wort und jedem, der darin seinen Stand-, seinen Denkort besitzt, unmittelbar sinnvoll und klar. Die sakramentale Fixierung des Instituts der Ehe und Familie hat die in allen Verhältnissen kraft Liebe realisierbare Möglichkeit der Askese durch die Behauptung einer innerweltlichen Askese verstellt, deren Wesen rein die zum Wert erhobene Natürlichkeit des Geschlechterverhältnisses ist. Die komplexe Figur des »Naturrechts« verfällt der Fixierung des Natürlichen als erster Methode rein anthropozentrischer Planung. Ihr werden weitere folgen, und das Verdikt des Werteverfalls, das sie treffen soll, verschleiert, dass bereits der Wert, der die späteren Stadien der Planung kontrastiert, auf der fallenden Linie liegt, deren Wurzel auszureißen bis heute nicht gelungen ist und unter den Voraussetzungen der westlichen Theologie nicht gelingen kann. Indem die Möglichkeit der Askese (dieser Praxis transzendenter réalisation) innerweltlich wird und rein in der Setzung des Natürlichen als Normalen sich genügt, setzt es die Begierdefreudigkeit frei, deren einzig mögliches Regulativ die Kindserzeugung ist, das heißt: das Funktionieren des Lebensstroms.

Das Christentum als sakramentale Familienreligion ist nur eine der vielen Figuren des modernen, vitalistischen Irrationalismus. Jetzt können unbedeutende Journalisten als Verteidiger der »traditionellen Familie« auftreten und, wie kürzlich geschehen, die Homosexuellen dazu aufrufen, dem »unterleibszentrierten Spaß« zu entsagen, um sich auf die natürlichen Werte (die Natur als Wert) zu besinnen. Hier ist alles durcheinandergebracht, was es durcheinanderzubringen gibt, und es ist geradezu die endgültige Gestalt dieses Durcheinanders, wenn dem Homophobievorwurf mit dem Hinweis darauf begegnet wird, nicht die Homosexualität als solche sei die Sünde, sondern deren »Ausleben« (als ließe das eine vom anderen sich trennen, als gäbe es klare Grenzen zwischen dem, was schon »Ausleben« ist, und dem, was es noch nicht ist, und als wäre der Schaden an der stets auf réalisation hingespannten Seele, den man sich und anderen zumutet, nicht die viel größere Sünde – auch sie übrigens, als Hochmut, eine der »Sünden des Fleisches«).

Gegen diesen Irrsinn lässt sich der Satz von Wilhelm Heinse aufbieten, wonach der Weg der Seele zu ihrem Heil (und damit – davon nicht zu trennen – alles Denken, das Reflexion dieses Weges zu sein behauptet) nicht aus Gesetzen, sondern aus Verhältnissen kommt; genauer: die Gesetze selbst, die ein Mensch sich aufprägt, kommen alle aus Verhältnissen:

»Das größte Wohlbefinden unsers Wesens ist, wenn es sich regen, bewegen, handeln kann, wie es will, entweder aus bloßem Trieb, seine Kraft zu äußern, oder nach jedem, auch dem kleinsten Reiz. Aus Erfahrung schreibt es sich dann Gesetze vor, noch außer denen, die aus der eignen Art seines Wesens schon in ihm sind. Diese doppelten Gesetze entstehen alle aus Verhältnissen.«

Gesetze sind sedimentierte Erfahrungen, das heißt: sie lassen sich nicht bruchlos auf diese projizieren; sie sind Formen, nicht Substanzen. Das Herz des Gesetzes ist leer. Dessen Geltung gründet in nichts anderem als dieser Leere; das ist der von der modernen (und das heißt: auch der traditionalistischen) Theologie zum Verschwinden gebrachte Konvergenzpunkt von Anarchie und höchster Ordnung. Einzig dieser Punkt ist Ort, Stelle, Stätte der Tradition. In ihm verwirklicht sich, durch alle Verhältnisse hindurch, die Möglichkeit der Möglichkeit: die wahre, asketische Hierarchie.

Das ist der Weg, auf dem aus Heinse, wie Wense ihn nennt, »der Sinnlichkeit Obertan« wurde. Einen anderen gibt es nicht. Kein Asket spricht die Sprache der Moral, das ist die Sache.


© Timo Kölling. Geschrieben im Januar / Februar 2014; bearbeitet im Frühjahr 2016.