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Versuch eines Winters. Gedichte

Timo Kölling - Versuch eines Winters


Im November 2018 ist erschienen:

Timo Kölling
Versuch eines Winters
Gedichte (2003)

Überarbeitete Neuausgabe

104 Seiten
Strukturgeprägtes Taschenbuch
Eigenverlag via BoD Norderstedt
ISBN 978-3-74819-914-4
EUR 19,90

Das Buch ist bei BoD, bei Amazon und überall im Buchhandel bestellbar.


Über das Buch:

Die von Hölderlin angstvoll prophezeite Weltnacht ist das Thema von Timo Köllings zweitem, zwischen Oktober 2001 und Februar 2003 geschriebenem Gedichtband »Versuch eines Winters«. Umrahmt von einem Liebes- und Streitgespräch zwischen Apollon und Dionysos, gestalten die Gedichte den Untergang der mythischen Ganzheit (und des menschlichen Aufgehobenseins in ihr) auf paradoxe Weise als Einbruch des Mythischen selbst in die Menschenwelt und -seele. Am Ende stehen »Scherben und Runen«, die kaum mehr eine Unterscheidung zwischen Ernst und Ironie, Schwärze und Licht, Hoffnungslosigkeit und Erwartung eines Rettenden zulassen – und doch, am Schluß des Bandes, ihre Synthese in einer Ode »Heidelberg« finden, die Hölderlins gleichnamiger Ode aus dem Jahr 1800 antwortet. Die hiermit vorgelegte überarbeitete Neuausgabe 2018 ist als Ausgabe letzter Hand anzusehen. Manche der Gedichte der vergriffenen Erstausgabe erscheinen unverändert, andere in neuer Fassung.


Inhaltsverzeichnis:

Erster Zyklus
DIONYSOS UND APOLLON

DIONYSOS AN APOLLON
I. Seitdem ich weiß, daß an der schwelle
II. Als ich in dunklen gründen lag
III. Wie gerne würde gaben ich
IV. Ich weiß in deinem haus von einem raum

DIONYSOS AN HEIMDALL
I. Du kamst ohne zu wissen an dem abend
II. Ich sehe blendend noch das licht des engels
III. Bist tor du nicht zum ewigen licht, Apollon?
IV. Die weltenstund ist spät

Zweiter Zyklus
DAS HERBSTLIED
Du stehst am alten gartentor und schweigst
Der sommer, den die erntezeit gekrönt
Die nächtlichen geschicke
Am tag, als unsrer liebe ring zerbrach
Wir blickten in die augen uns so lang
An des meeres strand
Wenn die schönen weiden
Stehst du, wo ihr laub die linde wirft
Dir graut novembernebel in der seele
Du sagst, du spürst den strahl nicht der fontäne
Mehr ist uns auf erden nicht beschieden
Verschwunden ist des ufers ahornhain

Dritter Zyklus
STIMMEN IM BLAU
Die botin sprach…
Erwacht aus einem spiegel-bild…
Nicht schlag und stoß sind kräfte mir der weihe
Seit ich in dir als in dem traum mich finde
Glaub nicht, daß du das dunkel überwunden
Längst hörte ich unten das brausen
Ich bin dir treu, auch wenn du längst gegangen
Hier, wo geflecht sich ineinander webt
Ich bin die tochter meines sohnes…
Kein wort erfaßt mich…
Wir sind der orden…
Ich bin die Herrin eurer langen nächte

Vierter Zyklus
WINTER ENTZWEI

ERSTER TEIL: SCHATTENBILDER
Es fiel der erste schnee…
Wir wandelten auf straßen, zwischen türmen
Ich traue mich nicht mehr, den fluß zu queren
Gewalt der welt, die offen liegt…
Es sei die liebe das gesetz der zeit
Es gibt nichts außer dir…
Der augenblick, da du das wort vernahmst
Ich nehme aus dem morgenhimmel wolken
Wir glaubten, festtag währe alle zeiten
Du bist schon ganz in weißen flaum gehüllt
Ihr bäume! …

ZWEITER TEIL: ZWÖLF (SCHERBEN UND RUNEN)
ein wind ist, mädchen, über mich gegangen
es dräut, als sei immer ahnung
tauchst du mich in deinen schmerz
hilflos wie eine katze
du zeigst mir nur die schmale flamme
du willst mit lohmund
ein und aus
ich war schon eingedunkelt im tag

als sei das nichts, wischst
LEIH
HEIDELBERGER NACHMITTAG
manchmal, daß noch ein bild
wir würgen
MARK ROTHKO
FÜR TAVY
AN ANSELM KIEFER, TIEFHIN
du, deine angst
JAHRHUNDERTCHOR

UR-KREUZIGUNG
RINNSAL (I/II)
KÖNIG VON THULE
DEUTSCHLAND
HEIDELBERG

Schluß
APOLLON AN DIONYSOS
DIONYSOS, DU BIST WIE KEINER GROSS


Leseprobe:

DIONYSOS AN APOLLON – DIONYSOS AN HEIMDALL / III

Bist tor du nicht zum Ewigen Licht, Apollon?
Du wolltest mir die morgenröte zeigen,
Die auf dem eiland schön wie nirgends leuchte ·
Wir gingen – es war nacht noch – zu den felsen,
Wo möwen schon, noch müden flugs, erträumten
Den silberstreif, der ihnen bald erschien

– Und dann auch uns: in allen dingen knistern ·
Unheimlich steht ein beben in den lüften,
Das dann sich löst im blauen morgenwehen
Und rauscht, bis es in einem schreck erstarrt ·
In einer weiße, die an allem zehrt ·
In einem glühendeisig kalten brand.

Ich flüstere „Albedo“ wie von winden
Gesprochen, und du thronst als finstrer könig
Auf deinem schwarzen felsen, nur noch spiegel
Des zehrenden und tötenden gewoges
Von weißem licht um uns, das kalt und böse
Dich krönt zum Herrn des Kreislaufs, Herrn der Zeit.


DAS HERBSTLIED / Du stehst am alten gartentor…

Du stehst am alten gartentor und schweigst,
Im wärmenden und fahlen sonnenlicht ·
Wenn deine tränen du mir auch nicht zeigst:
Daß ich sie nicht erkenne, glaube nicht.

Längst ist vergangen sommers spätgeglüh ·
Du stehst am alten gartentor und schweigst.
Ich weiß, das zarte lächeln macht dir müh,
Wenn du mir deine tränen auch nicht zeigst.

Wenn du mir deine tränen auch nicht zeigst –
Sie schwingen doch um deine lichtgestalt.
Du stehst am alten gartentor und schweigst ·
Im schweigen birgt sich schwarze end-gewalt.

Ich seh im nebelgrau das kunftgegleiß ·
Und in den tränen, die du mir nicht zeigst,
Birgt ahnung sich von göttlichem geheiß ·
Du stehst am alten gartentor und schweigst.


STIMMEN IM BLAU / Glaub nicht, daß  du das dunkel…

„Glaub nicht, daß du das dunkel überwunden ·
Der traum wies dir das schicksal, das dir frommt,
Im bilde, dessen gegenwart erst kommt,
Wenn in dir selbst du deinen ort gefunden.

Was du erblicktest in dem blauen spiegel,
War ziel und weg in einem: deines geistes
Ur-eignes sein, aus heiligem quell gespeistes,
Das erst zu formen ist im schwarzen tigel.

Darin mußt lösen du, was du gewesen,
Mußt löschen aller neuen weihen glänzen,
Vergessen bilder, die dich schon bekränzen – –
Fahr in die nacht! nur dort kannst du genesen,

Um dann verjüngt dein eignes bild zu greifen,
Den geist aus blauen dämpfen zu verleiben – –
Nur die vom geist verstoßnen schlacken bleiben,
Wo trüb und dumpf gespenster kreisend schweifen.“


WINTER ENTZWEI – SCHATTENBILDER / Es fiel der erste schnee…

Es fiel der erste schnee · wir stehen stumm
Und wagen nicht, die stille zu berühren.
Mit welchem wort auch sollten wir uns nähern
Der welt, die längst uns nicht mehr heimat ist?
Geheimnisreich und dunkel leben wir,
Die sprache eines unbekannten Gottes,
Der seine welt uns nicht enthüllen will.
So bleiben stumm wir · schweigend liegt das weiß
Des winterlichen landes uns vor augen.
Ein jedes wort entschwände ungehört
Und faßte nichts und wäre nichts als klang,
Dem wind verwandt, der von dem wort nicht weiß,
Nie haften bleibt und immer weiter will ·
Dem wind verwandt, der immer wehen will.


WINTER ENTZWEI – ZWÖLF (SCHERBEN UND RUNEN) / Es dräut…

es dräut, als sei immer ahnung
am himmel, von wolken ·
drohung
der geschicke,
der tragenden, die
an uns rühren
mit saat- und erntegekreis.

es dichtet, den sinn mir zu nehmen,
jetzt, und alles
bebt und
zittert · wölbt
in den raum sich, der, stumm,
ein starren, sich mehrt.

gespenster aber
wissen
nichts von den wunden
im geräum.

wenn die nacht kommt,
hengist und horsa,
seid ihr haus und
leiht mir
das auge?


WINTER ENTZWEI – ZWÖLF (SCHERBEN UND RUNEN) / LEIH

„allem mußt du deine stimme leihen“,
sagst du trochäisch ernst, kopfwackler,
ich hasse dein singen.

also: allem seine stimme leihen
und ich leihe und leihe
und leihe und leihe
das ist wie spuk
schon ist sie weg
die stimme
verliehen an nimmersatt

das ist wie spuk
es quillt und quillt
und quillt und quillt
sie wachsen mit augen
um mich her augen
doch nur EIN blick
das ist schier spuk

jetzt leihe ich
und leihe und leihe
und mache nur spuk
mit meiner stimme?
aus tausend mündern meine stimme
was blickt mich an wie irr und spricht
mit meiner stimme?

so gebt sie wieder her! das war nur leih-
weise · das ist ja spuk mit meiner stimme
es quillt und quillt aus tausend mündern
das ist ja spuk.

das ist ja spuk! ich schlag euch tot!
so gebt sie her! es quillt und quillt!
das war nur leih! das ist ja irr!
ich geh noch tot! ich werd noch irr!


WINTER ENTZWEI – ZWÖLF (SCHERBEN UND RUNEN) / DEUTSCHLAND

punktstätte: weit-
läufige, an der entgrenzung
gewende, knoten wir ein dir
uns zur einkehr uns werdend.
pilgerfalte dein heimschacht,
weglos das inbild von hören,
kernhall von hinter den fluren,
schleuder dein sog: atemwille.

wortstelle,
kreist du im schweigen ums sagen.
wir müssen, daß atem
sei, uns finden, und röte
ist, ein tagen dann, heilig,
räumend der ursilbnis berge,
einst höhle, jetzt flackernd:
blaufeuer.

lichtwesen,
bist du seit umsprung schon gilbend,
sprichst uns zu fremde, brüllst
endsplitternd fernfrüh uns dann, und,
daß sammlung geschehe – bild-
erde –, rufst du zur lese, pflückst
wie von reben uns zeichen,
daß blut sei, ein zur heimkehr.


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