Ewigkleine Wiederkehr

HerzlandstraßeIm Augenblick des späten Lehnens aus dem Fenster, um den Nachthimmel zu betrachten (was man davon sieht an Frankfurts Rand), und die Luft nach dem novemberdunklen Junitag war wie ohne Jahreszeit die reine Nachtluft, die Luft gewordene Idee der Nacht: plötzlich, atmend, die Innerung oder Gewissheit eines Erwachens, das sich »vollzog«, nein, »sich zutrug«, ich sein Atem, ich-es es-ich, in eben diesem Augenblick, als wäre es, sinnliche Gegenwart, durch den Himmel gezogen als Sternschnuppe; ein Erwachen, das Gültigkeit über diesen Augenblick hinaus haben würde, festzuhalten um jeden Preis (auch um den der Gewalt? Ja! gerade den! Nein! den gerade nicht!)… – Gedanke: jetzt nicht mehr diesen Augenblick unterbieten, wie du ihn so oft dann wieder unterboten hast; aber es ist doch gerade die Intensität des Unterbietens, die immer wieder in den Augenblicken, den »zählenden«, des Erwachens kulminiert?, und warum?: weil du eben doch »stets« etwas auf gute Weise festgehalten hast, das Inbild (das Inbild etwa der nachträglich jämmerlich unterbotenen, »verratenen« Wanderung durch den Hintertaunus am 2. Januar 2010), das wachende Auge über den Epochen des Schlafs; und eben dies ja war es, am Fenster jetzt: dass du dich »wieder einmal« schlafend gesehen hast, sehen musstest, in Ewigkeit gesehen haben wirst, ewig schlafend, ewigewig schlafendschlafend, – und was du am Himmel gewahrtest, war nur dein eigenes Hiob-Auge, das ewig wache, das verzweifelt wache, das unzerstörbar wache, das über den Tod hinaus wache?, dessen Blick wir niemals reiner haben als in der Wiederkehr des Inbilds; sein dialektischer Name aber ist: »Entschluss«.

Wiedergelesen in den letzten Tagen: Thomas Bernhard, Gehen, das ich zum ersten Mal vor etwa zehn Jahren las, Tränen lachend. Und jetzt? – entsprach (was für ein Buch!) den Tränen fast kein Lachen mehr, fast keines.

Die Geschichte, jede Geschichte, ist eine Geschichte der Verzweiflung (kann einzig als Geschichte der Verzweiflung erinnert werden; ist als Geschichte der Verzweiflung zu schreiben – was etwas »um ein Leichtes« anderes ist als Benjamins »Geschichte der Unter-drückten«?).

Dem Körper der Depression (ein »zweiter Körper«) entwuchs im Traum eine furchtbare Musik, die dem einzigen Zweck diente, das Bewusstsein in eben diesen Körper zu bannen, bis die Leiche hergestellt sei. Es war keine bestimmte Musik, sondern die »Musik der Menschheit«. Unsäglich albern, unsäglich gefährlich dieses Geflöte und Getrommel, Gejauchze und Geplärre, Gesirre und Geratter: zu etwas anderem als dieser Katzenmusik hatte es die Menschheit eben nicht gebracht, nur dass sogar die Katzen vor ihr flohen. Diese Musik verwischte jede Schrift; schon waren einige Männer und Frauen zur Stelle, auf den ersten Blick als Betrüger erkennbar, warum sah das keiner? Sie erklärten, die Schrift und überhaupt das Wort, worin doch nichts sei, wie es scheine, gehörten der Vergangenheit an, hätten ausgespielt, jetzt sei die neue, tiefere, die schon erlöste Menschheit da: die Musik-Menschheit, bei der es sich zum ersten Mal in der Geschichte um eine wahrhaftige und ehrliche, so aufgeklärte wie geheimnisvolle Menschheit handle. Hier durfte kein Geheimnis mehr für sich sein (wie doch die Worte früher die Geheimnisse für sich sein gelassen hatten?), ein jedes musste zum Klingen gebracht werden: Klangzwang, Lichtzwang. Ich hörte mich sagen: »Niemand wird mich daran hindern, das Lügengebäude der Musik und eure sogenannte Menschheit auf der Stelle zu verlassen«, und erwachte.

Urbild (deines jedenfalls) der Verzweiflung: wenn du das Glück, die Transparenz, die in sich ruhende Notwendigkeit der frühen Morgenstunden nicht einzufangen weißt. Es sind die Stunden, denen keine Musik entspricht. Immer wieder sie sich erarbeiten, und das geht – große Paradoxie – nur schreibend? Die Schrift als das große Innewerden der Frühe? Schreibend eben, lernst du das zeitige Erwachen? Und jetzt ist dir, von Ewigkeit zu Ewigkeit schlafend, in der Epoche des Schlafs als einer babylonischen Gefangenschaft, als müsstest du wieder bei Null anfangen damit, du Vergesslicher, Ageometrischer?

An Valéry gedacht, der von sich behauptete, es langweile ihn, aufzuschreiben, was er erlebt und gesehen hat, was ihm begegnet ist. Daher (!) seine Nähe zum Mystischen. Merkwürdige Konstruktion des Mystischen: ob er, der Unbestechliche, da nicht auf die Geisteswissenschaftler hereingefallen ist – auf das, was die sich eben so unter »dem Mystischen« vorstellen?

Jede Musik außer der alten Kirchenmusik und Mozart ist die von Gefängnisinsassen?

Gesetz der Musik (zur Freude des Pharao): je eindrucksvoller, desto beschissener. Ägyptische Nacht der Musik.

Erinnerung, nicht zwar an das erste Schreiben (Gefühl, »immer schon« geschrieben zu haben), sondern das erste Schreib»projekt«: im Sommer 1995, nachmittagelang in der Kiesgrube und am Weserufer sitzend, stehend und liegend, und dort so langatmig wie möglich alles sich Ereignende (und was ist nicht Ereignis?) im Detail aufschreibend – und beinahe gleichzeitig das zweite, ein philosophisches »Projekt«: einige Seiten über »Freiheit und Notwendigkeit« (ich freilich auf Seiten der Notwendigkeit, nicht einmal dialektisch, sondern »total«), grundiert von dem ersten: und diese Grundierung ist, »irgendwie«, die Idee meines Schreibens geblieben? Weshalb immer wieder der Drang sich geltend macht, mit einem Tagebuch anzufangen – das zu Schrift gewordene Leben (statt dass nur das Leben mittels der »Werke« in die Schrift eingeht) als Vorhaben aller Vorhaben? (Und wie wenig Tagebuch werde ich am Ende geschrieben haben, Versäumnis aller Versäumnisse –  »jetzt aber!«)

»Das Lebewesen möchte endlos das Lustgefühl verspüren, welches es sich verschafft, indem es mit allen Kräften die Handlung beschleunigt, durch die es zugrundegehen wird.« (Valéry)

Bettkantengedanken: diese Schwelle ist zu überspringen. Noch liegend sich sammeln (wie selten wacht man schon gesammelt auf, obwohl doch die Träume Bildfolgen der Sammlung eher als der Zerstreuung sind?) und dann (hinein)springen in die Sammlung der eigentlichen Frühe, »immer schon« aufgestanden, »ohne Anfang«. Den Aufstehaugenblick löschen.

Träume oft: Versammlung des Lügengebäudes, erwartend den rettenden Blitz.

Der Traum, in dem du, in unendlicher Klarheit diesen Traum jetzt denkend, das Wesen des Traums (aller Träume) erfuhrst: als unendliche Verdichtung von Gedanken: als erscheinende Möglichkeit ihrer Bildwerdung.

»Ein ganzes Leben, um aufnahmebereit zu werden für den Zufall dieser Erkenntnis.« – Was hindert dich, Paul Valéry, die Zufälligkeiten des bloßen Lebens auf eben diese Weise, »bereit«, wirksam werden zu lassen? Denn wirksam sind sie doch, rein indem sie in den Kreis unseres Aufmerkens treten; »es gibt keinen Zufall« oder »alles ist Zufall«?: ein und dieselbe Aussage! Was uns zufällt, ist je unsere eigene Sage; wer oder was immer zu uns spricht, spricht als Bote und überreicht uns einen Brief (und viele Briefe freilich öffnen wir nicht. Idee einer Erzählung: »Er öffnete auf einen Schlag alle Briefe und wurde wahnsinnig.«)

Der nicht gleichzeitig gehen und denken kann, geht »in den rustenschacherschen Laden, mit einer unvorstellbaren Geschwindigkeit«.

Kürzlich an dem Tag der auf ihre Kinder einredenden Mütter, an dem (stellte ich mir vor) in ganz Frankfurt kein einziges Kind zu Wort kam, dann doch im Park das Mädchen und die drei Jungen, im Kindergartenalter, einer der Jungen ein Plastikspielzeug gegen den Parkmülleimer schlagend, worauf der zweite: »Du darfst das nicht kaputt machen, das darf nur die Polizei«, der dritte, glockenhell: »Nur Gott!«, der Kaputtmacher, schlau: »Gott ist die Polizei!«, das Mädchen, beleidigt: »Gott darf nichts kaputt machen.«

Und heute, der aus dem Auto steigende Junge seine am Steuer sitzende Mutter anschreiend: »Ich habe keine Zeit, den ganzen Weg zu Fuß zu laufen. Das sind zehn Minuten!«

»Darüber lacht man nicht.« Und er lachte noch lauter. Da erst begriffen sie, was es auf sich hatte mit seinem Lachen, und schluckten.

Der gnostische Augenblick: wie bin ich eigentlich in alle diese Verhältnisse gekommen? Was gewinne ich durch sie, was lasse ich in ihnen? Im Winde klirren die Fahnen. Was sind das für Umstände? Brauchen sie mich, werde ich gebraucht? Was geschah eigentlich, als all dies in Gang gesetzt wurde? Die Unwirklichkeit der Geburt – der geheimnisvolle Augenblick aber der Zeugung. Bin das wirklich »ich«, der hier und jetzt anwesend ist, sich verstrickend, Trümmer auf Trümmer türmend, auf Auswege sinnend und eine allerletzte Flucht?

Einsicht: alles, was dir versprochen worden ist, wurde unter der dir verschwiegenen Voraussetzung versprochen, dass ohnehin die Verhältnisse sich ändern und die Einlösung des Versprechens nicht mehr werde notwendig sein.

»Aber die Liebe!« – »Ja!«

Wiederhole, was du schon einmal aufgeschrieben hast: die unbeschreibliche Nähe dessen, an den du denkst, weil du ihn liebst. So dass, wenn du es wirklich tust, das Wort Sehnsucht keinen erfahrbaren Inhalt mehr hat.

Den sich Wappnenden glaube kein Wort.

Er empfing die Nacht, wieder eine Nacht, als beträte er den rustenschacherschen Laden. »Karrer sagte, gehen wir in den rustenschacherschen Laden hinein…«

1. Jedes Gebet ist ein Gebet um Klarheit.
2. Jeder Blick hinaus ist ein Blick in die Klarheit.
3. Klarheit ist die Idee aller Dinge und Wesen in der Welt.
4. Jeden Schritt vor die Tür begehe eigens als einen Gang in die Klarheit.
5. Lass die Dinge, noch die widrigsten, dich durchwirken, dich klären.
6. Die Wolken verbergen dir nichts; auch sie sind eine Gestalt der Klarheit und du selbst bist Gewölk.
7. Höchstes Vermögen der Weisheitsliebe: die klare Erkenntnis des Deliranten; dass die Welt sinnlos ist und ein Traum.
8. Idee der Klarheit: seine drei, vier Sachverhalte kennen.
9. Jedes Gespräch sei dir ein Bemühen um Klarheit.
10. Misstraue jedem, der die Religionen für unklar hält, aber auch denen, die aus Unklarheit religiös geworden sind.
11. Statt Klarheit Gott zu sagen, genügt.

Mehr noch als das Epigonale meide die Angst vor dem Epigonalen.

»Genussmensch«, bleib mir fern!

Das Unwirklichkeitsgefühl unter Großbürgern, das Beklemmungsgefühl unter Kleinbürgern. Die Großbürger sind nur raumlos, existieren neben dem Raum und unabhängig von ihm, die Kleinbürger hassen ihn und wollen ihn vernichten.

Die sich links glaubende Kleinfaschistin im »Naturlook« (nichts Natürliches freilich an ihr, der von Geburt an Künstlichen) – Gedanke: nicht einmal das bekommt sie hin, ihr albernes kleines Mörder- und Faschistenwesen zu verkörpern; wird »Zeit« ihres »Lebens« die Kleinfaschistin mit dem Aufpasserblick bleiben.

Musik ist die »Kunst« des Bürgers, sich gegen die Realien abzuschotten; und seit der Romantik gibt es fast nur noch diese Art von Musik?

Der von hinten pfeifende Radfahrer, der keine Klingel besaß. Unwille, auf einen Pfiff zu reagieren.

Und dann gleich die anderen Pfiffe der Hundebesitzer (manche eben nur Hunde besitzend, damit sie etwas zum Herpfeifen haben). Die zerstörende Traurigkeit ihrer Herrschaftsgesten.

»Du kennst alle diese fürchterlichen Verhältnisse. Du kennst alle diese Versuche (zu leben), die aus diesen Versuchen nicht herauskommen, dieses ganze Versuchsleben, diesen ganzen Versuchszustand als Leben…«

»Dieses Problem, nicht mehr weggehn zu können…«

Im Straßencafé geistesabwesend einen »bitterschwarzen« Kaffee bestellen.

Niddaaufwärts in die Wetterau, die schriftlosen Tage dunkelten nach in dem silbernen Band und verschwanden in den dann auftauchenden Spiegelbildern der Urgeschichte. Du brauchst fast nur dich an die Logik der Landschaft zu halten, ihre innere Konstruktion, schon landest du von selbst auf den »prähistorischen« Wegen, den alten »Handelsstraßen« (als der Handel noch Religion war und mehr getauscht wurde als bloß »Waren«). Wunderbar dann, im Abendlicht, der Riesenstern des Vogelsbergs als Bote des Ostens; plötzliche Vision, hier am Rand der Urheimat zu sein: vom Velmerstot bis zum Elbrus und weiter zum Himalaja; Paderborn und Indien (und diese gesamte Substanz wuchs auf in den Bauten der Romanik?).

Sich erneuernde Gewissheit, absichtlich am westlichsten Punkt in die Kirche eingetreten zu sein, um mit jedem Schritt nach Osten gehen zu können.

Und heute, endlich: das Ausbleiben der Nacht. Innerlich des Polarkreises. Über alle Berge. Die Einlösung eines Versprechens, eines bisher ungestillten Tages.

Und in der morgendlichen Vorregenwärme (wieder ein Tag!) tauchte die Wetterau auf als das schroff-sanftmütigste Land der Erde, sich entziehend einem jeden Blick, der auf nichts als Schönheit aus wäre.

Die brüderlichen Augenblicke: hier gingen Heinse und Wense!

Ziegenberg: keine Spur mehr von Heinse; der Ort hat Hitler nicht überlebt, der ihn für sein Treiben okkupierte; Eigentumswohnungen jetzt im Schloss. Aber noch das alberne, von Goethe entworfene Denkmal als Rest-Fetisch inmitten der Verwüstung.

Hinauf wieder!, auf die merkwürdigsten aller Hochflächen, in den einsetzenden Regen, der, auf den Abend zu, eine blaue Tiefe versprach. Die »letzten Menschen«: Vater und Sohn, in ein Auto steigend. Der »Generationenwechsel«, sich plötzlich, »wider Erwarten«, mit ersterem zu identifizieren und mit dessen gelassenen Augen auf den doch auch schon »erwachsenen« Sohn zu schauen, auf sein mit falschen Prätentionen aufgeblähtes Ungelöstes. Und doch war es vielleicht ein von der väterlichen, alles einheimsenden Gelassenheit Vernichteter! Und dann, als »eigentlich« schon Menschenleere war von hier bis Paderborn und von dort bis zum Elbrus und weiter bis nach Indien (so tief und weit offen lag die regnerische Bläue des Vorabends unter der Hochfläche), kamen doch noch Nachzügler mir entgegen: drei dicke Jungen mit hochroten Köpfen und unglücklichen Mienen, einer ein Messer tragend, das er gleich fortwerfen würde?, voller Erschrecken wie nach einer Mordtat.

Und dann ging ein Wind durch das Gras und der sich verstärkende Regen war die Nähe eines fernen Körpers und es war eine Gegenwart über alle Sehnsucht hinaus und »wir offenbarten uns so wie von Angesicht zu Angesicht unser Inneres«.

Und vor der Schrift, jetzt, sitzt ein wieder traurig gewordener kleinkleiner Knecht, erfüllt von unfasslicher Wiederkehr, und zittert.

© Timo Kölling, Juni 2012.

(Aus: Herzlandschaft. Eins: Ewigkleine Wiederkehr, S. 5-15)

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