1. Mai 2021

Ein Buch, das ich immer wieder gerne zur Hand nehme, ist Hofmannsthals »Buch der Freunde«. Längst kenne ich seinen Inhalt und halte ihn stets gegenwärtig, etwa den wie vom Mond in die Menschenwelt hineingesprochenen Satz: »Stil ist Idiotismus der Person, Idiotismus Stil des Volkes.« Der Genuß, den das Buch spendet – und ich meine, daß man dies nicht von jedem Buch behaupten kann –, hat seine Quelle nicht alleine in den Gedanken, die es enthält, sondern auch in der Form oder der Machart, die von der sinnlichen Erscheinung des Textes nicht zu trennen ist. Das wiederholte Lesen des schon Bekannten, Blättern im schon Gelesenen stiftet einen Bewußtseinsraum, der sich der bloß gedanklichen Vergegenwärtigung entzieht. Dem Text eignet eine Geräumigkeit, die unmittelbar bereichernd wirkt und das Herz erhebt.

Jetzt, da ich der Lust folge, wieder damit anzufangen, eigene Notizen ins Netz zu stellen, fällt mir auf, daß das »Buch der Freunde«, heute geschrieben, durchaus in der Form eines Blogs entstehen könnte. Insofern mag es dem eigenen Unternehmen als Vorbild dienen. Das liegt wohl vor allem an seiner relativen Ungegliedertheit; der hohe Anspruch, der sich an der »Lehrkraft« der Sprüche Goethes orientiert (von dem Hofmannsthal auch den Titel »Buch der Freunde« übernahm), tarnt sich als Strom von Einfällen, welche nirgends den Charakter des Zwingenden annehmen: es hätten auch andere gewesen sein können. Diese Art der Aphoristik, die keinen Plan verfolgt, sondern sich dem Zufall überläßt, verfährt nicht kategorial, begreift sich nicht als eine Technik des Erkennens wie bei Valéry. Weder erreicht sie, wie bei Nietzsche, die Dichte von wissenschaftlicher oder philosophischer Prosa, noch begegnet sie der Krisis der Neuzeit, wie bei Dávila, mit der Beschwörung des Selbstverständlichen um den Preis, die Gehalte, die sie zu retten vorgibt, zur Phrase zu erniedrigen. Der große Atem einer ursprünglichen Freiheit geht von ihr aus und durch sie hindurch, darin den – allerdings meistens viel längeren – Notizen von Gracq vergleichbar, dessen rein dem Maßstab der eigenen Lust folgende Art ich mir als ein zweites Vorbild imaginiere. Die Freiheit, die ich meine, ist vielleicht eher östlicher als westlicher Natur: tief verbunden der chinesisch Tianxia genannten Ordnung von allem, was unter dem Himmel ist. »Die Erde ist im Himmel«, schreibt auch der kraft eigener Vollmacht in die Lehren des Ostens eingeweihte Wense, ein drittes Vorbild und in seinen Fragmenten der vielleicht konfuzianischste Geist, den Eurasiens Westen in neuerer Zeit hervorgebracht hat.

Hofmannsthal, Gracq und Wense: sie erweisen sich in ihren so verschiedenartigen Aufzeichnungen als große Leser, denen es ein zureichender Schreibgrund ist, ihren eigenen Lesern von der Freude des Lesens zu erzählen. Bei Hofmannsthal zeigt sich dies schon in der großen Anzahl kommentarlos in den Text eingefügter Zitate; bei Gracq in der herausfordernd subjektiven Art, wie er die ihm vor- und inbildlichen Gestalten charakterisiert, ohne Argumente nötig zu haben. Und bei allen dreien ist die Lektüre der Bücher, der Kunstwerke und der seelischen Konstitution ihrer Urheber auf die natürlichste Weise eingesenkt in die Lektüre der Welt im ganzen: der Menschenwelt, des als Gleichnis begriffenen Gesellschaftlichen bei Hofmannsthal, der Landschaft als erstem Element des Historischen bei den Wanderern Gracq und Wense.

Der Blogname »Herzlandschaft« war bereits in den Jahren 2013 bis 2015 in Gebrauch. Anders als damals, habe ich aber nicht vor, ein Tagebuch im eigentlichen Sinne zu führen. Auch soll es sich bei den Notizen, mit denen ich mich zu keinerlei Regelmäßigkeit verpflichte, um kein Buch-im-Werden handeln, wie es sowohl 2011 der Fall war, als ich ein Jahr lang ein Online-Denktagebuch unter dem Titel »Exodus schwarz« führte, als auch 2017, als ich eine Folge von Fragmenten unter dem Titel »Romanische Halle« ins Netz stellte. Die Notizen sollen dem eigenen Vergnügen dienen und keinerlei direkte Hinweise auf die Arbeit an den gleichzeitig entstehenden nächsten Büchern enthalten. Es soll der Lust und dem Zufall überlassen bleiben, ob Theoretisches im Vordergrund stehen wird, ob Menschlich-Allzumenschliches, ob Lesefrüchte oder ob Schilderungen von Wanderungen und Landschaften. In jedem Fall wird es eine Durchquerung der eigenen Herzlandschaft sein. Wie jede Landschaft, bietet sie sich gerne dem erkennenden Auge dar, rechnet aber nicht damit, gefunden zu werden, und ist tief zufrieden, wenn es nur die eigenen und die Augen Gottes sind, die auf ihr ruhen.