EINVERLEIBUNG DER FRÜHE

Vor 21 Jahren entstand meine erste Buchveröffentlichung »Silhouetten im Nebel«: ein Tagebuch des Herbstes 1999. Die Freude ist groß, vermelden zu können, daß es jetzt, noch diesen Monat, in einer überarbeiteten Neuausgabe erscheint.

Danach sah es lange nicht aus, denn das Buch war mir zwischenzeitlich überaus peinlich. Später merkte ich, daß es trotz aller Mängel »dazugehört«. Es repräsentiert eine unentbehrliche, fortwirkende, mir stets lebendig gebliebene Schicht. Zu einer Neuauflage konnte ich mich trotzdem nicht entschließen, weil ich nicht die Erstausgabe mit ihren sprachlichen Unbeholfenheiten, ihren noch völlig kindlichen Verquollenheiten und Unförmigkeiten wiederveröffentlichen wollte – aber auch nicht fand, daß an diesen typischen Mißständen eines auf eigene Faust veröffentlichten Frühwerks etwas zu ändern sei.

Eben dies, eine Neufassung, ist mir nun in den letzten Wochen »wie am Schnürchen« gelungen. Das muß damit zusammenhängen, daß ich seit dem Frühjahr erstmals seit vielen Jahren wieder sehr dörflich wohne. Das Tagebuch war damals noch in meinem Heimat- und Kindheitsdorf entstanden – es hat sich also, glaube ich, ein bestimmter »Kontakt« wiederhergestellt.

Hinzu kommt folgendes: so, wie mein aktueller Gedichtband »Brandung und Geräum« wahrscheinlich nicht entstanden wäre, wenn ich zuvor nicht eine überarbeitete Neuausgabe meines allerersten Gedichtbandes »Begegnungen in Weiß« veröffentlicht hätte, habe ich auch das Gefühl, mit meiner neuen und nächsten Erzählprosa nicht vorwärtszukommen, solange die »Silhouetten im Nebel« nicht in einer genießbaren Fassung vorliegen. Es geht um die Einverleibung der eigenen Frühe. Wenn der Raum der Erinnerung wächst, kommt der Punkt, an dem sie wieder in die Gegenwart eintritt, als wäre keine Zeit vergangen.

Die Schwierigkeit oder Kunst bestand darin, das grob Mißlungene schonungslos herauszustreichen – das Passable aber so zu überarbeiten, daß dem Text bei aller stilistischen Aufbesserung kein späteres Stadium der Entwicklung und des Wissens untergeschoben wird. Das Buch bleibt, was es war: das Erstlingswerk des Einundzwanzigjährigen. Zugleich kann es jetzt, meine ich, mit neuen Augen für das, was es darstellt, gelesen werden.

Weitere Informationen finden Sie hier:
https://timokoelling.com/person_und_werk/silhouetten-im-nebel-aufzeichnungen/