DIE METAPHYSIK DER GRENZE

2017 veröffentlichte ich den auf ein Fragment des Jahres 2003 zurückgehenden Traktat »Die Waage im Ungrund«, der im Kern eine Interpretation der vier Hauptbegriffe von Aristoteles‘ Metaphysik ist: phýsis, enérgeia, kínesis und entelécheia.

Das Buch ist seit Juli 2020 in zweiter Auflage erhältlich, und zwar sowohl als Paperback als auch als Hardcover mit Fadenbindung und Schutzumschlag. Fortan werden alle Titel – Neuerscheinungen wie Neuauflagen – in dieser doppelten Ausführung erscheinen.

Abgesehen vom neu gestalteten Schriftsatz – die serifenlose Schrift der ersten Auflage wurde durch die Garamond ersetzt, die auch in meinen anderen neueren Büchern Verwendung findet – erscheint der Text der ersten Auflage unverändert.

Hinzugekommen ist ein zweites Motto, und zwar ein Wort aus Hegels »Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse«. Es lautet: »Etwas ist nur in seiner Grenze und durch seine Grenze das, was es ist. Man darf somit die Grenze nicht als dem Dasein bloß äußerlich betrachten, sondern dieselbe geht vielmehr durch das ganze Dasein hindurch.«

Mit diesem Wort erweist Hegel sich als Aristoteliker reinsten Wassers. Denn die Grenze ist, wie in »Die Waage im Ungrund« gezeigt wird, für Aristoteles die erste und ursprüngliche Rechtsfigur. »Wort und Wesenheit der Grenze wohnen der Metaphysik des Aristoteles inne als ein heiliges Tabu, als ein kaum zu besprechendes und doch leuchtend klares – nichts als offenbares, an die Gestalt des reinen Dies geknüpftes – Geheimnis. Aus Wort und Wesenheit der Grenze bestimmen sich auf dem Weg und mit den Mitteln einer als heilige Handlung, als initiatische Praxis, als liturgischer Vollzug geübten reinen Erkenntnistheorie sowohl das Recht als auch phýsis, das Seinswerk (›die Natur‹).« (Die Waage im Ungrund, S. 24f.)

Das griechische Wort für Werk ist érgon, woraus sich der Begriff enérgeia ableitet. Die gemeinsame Wurzel der Wörter Werk und érgon ist die rekonstruierte indogermanische Urform *uerg-. »Die Bedeutung dieses Wortes war vermutlich schon in frühester Zeit ein Wirken, Machen, Fertigen, Tun, darüber hinaus aber in einem engeren Sinne auch ein Zäunen (Begrenzen, Formen) und Flechten (Weben, Füllen).« (Die Waage im Ungrund, S. 33)

Érgon (Werk), dessen Prinzip enérgeia das Seinsganze derart leitet, daß es als das Ganze, das es ist, allererst aus diesem Prinzip hervorgeht, wäre demnach »ein Gezäun oder Geflecht, das sich in einem streng bildlich aufzufassenden Sinne zum Werk als mittels Zäunens und Flechtens (Formens und Füllens) Gewirktem verdichtet«. (Ebd.)

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