DIE KATHOLISCHE VERSCHÄRFUNG

2011 veröffentlichte ich das Konrad-Weiß-Lesebuch »Das unstillbare Herz«. Seit ein paar Jahren vergriffen, ist es jetzt in zweiter Auflage erhältlich. Konrad Weiß (1880-1940) war Dichter und Kunstgelehrter, Journalist und Geschichtsphilosoph – und in allem, was er schrieb, war er kenntlich als Katholik, der den Weg seiner Kirche in die Moderne mit kritischer Aufmerksamkeit verfolgte und die Gefahr des Traditionsbruchs mit einer denkerisch komplexen »katholischen Verschärfung« beantwortete. Damit wirkte er vor allem auf das Denken seines Freundes Carl Schmitt (1888-1985).

Konrad_Weiß_Signatur
Unterschrift von Konrad Weiß

Interessanterweise verwendet Weiß den Begriff der katholischen Verschärfung erstmals in einer kritischen Bemerkung über den Schriftsteller und Philosophen Theodor Haecker (1879-1945), der 1921 zum katholischen Glauben konvertiert war. Weiß schreibt, die Konversion sei zu einem Zeitpunkt erfolgt, als Haecker den Gegensatz zwischen einer »klassizistischen Neutralisierung« des katholischen Geistes und einer »gotischen Realisierung«, als deren Vertreter Weiß sich verstand, nicht mehr mitmachen konnte. Deshalb müsse Haeckers durchaus feststellbares Ringen um die katholische Verschärfung letztlich fruchtlos bleiben (siehe den Aufsatz »Kreatur des Wortes«, abgedruckt im Lesebuch).

Als das Hauptdokument der katholischen Verschärfung in Weiß‘ eigener Fassung muß der Traktat »Der christliche Epimetheus« angesehen werden. Es handelt sich gewiß um eines der merkwürdigsten Bücher, die im 20. Jahrhundert veröffentlicht worden sind. Der Verlag mußte dem Autor denn auch 1934, ein Jahr nach Erscheinen, mitteilen, daß von den 2000 gedruckten Exemplaren 110 als Rezensionsexemplare verschickt, aber nur 64 verkauft worden waren.

Bis in stilistische Eigenheiten hinein, die einer Gegenwart, in der die Simplifikateure gesiegt hatten, nicht mehr zugänglich sein konnten, erweist Weiß sich als Nachfolger des ungleich berühmteren katholischen Publizisten und Philosophen Joseph Görres (1776-1848). Die Neuausgabe von »Das unstillbare Herz« ist deshalb erweitert worden um den schlicht betitelten Aufsatz »Görres«, den Konrad Weiß 1925 für den Almanach der Rupprechtpresse verfaßte.

»Görres«, heißt es darin, »war der deutsche Mensch, der sich von dem Suchen des gesellschaftlichen Symbols durch die äußere Revolution zu dem inneren Akte der Transsubstantiation in einer religiösen Analogie durchrang. Das heißt: hiermit war die Revolution aufgehoben und in das Herz des einzelnen verlegt.«

Weitere Informationen über »Das unstillbare Herz« inklusive Inhaltsverzeichnis und Leseprobe finden Sie hier.